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Jetzt nachdem mein Vater tot ist, kann ich es ja sagen: Eigentlich ist er an allem schuld. Oder vielleicht doch nicht? Wer weiß?
Ich will Ihnen die Geschichte von Anfang an erzählen.
Es begann mit dieser Bevorzugung von Josef. Ich meine, ich kann ja verstehen, dass er der Erstgeborene von seiner geliebten Rahel war. Aber was können wir denn dafür, dass unser
Großvater Laban ihm unsere Mutter Lea in der Hochzeitsnacht untergeschoben hat?
Immerhin hat Jakob mit unserer Mutter Lea sechs Söhne gezeugt. Und ich bin der Mittlere davon. Juda ist mein Name.
Sieben Brüder von einer Mutter sind wir. Außerdem haben wir noch eine Schwester: Dina.
Und dann hat Jakob noch 4 weitere Söhne mit Bilha und Silpa, seinen Nebenfrauen.
Und schließlich ist unsere Stiefmutter Rahel bei der Geburt ihres zweiten Sohnes Benjamin gestorben.
Deshalb hing unser Vater so an ihnen. Das kann ich ja verstehen. Aber wir können doch nichts dafür.
Trotzdem hat Vater Josef bevorzugt. Einen bunten Ärmelmantel hat er ihm geschenkt! Damit alle Welt sehen konnte, wie lieb er ihn hat. Uns hat er nie so was geschenkt. Warum auch? Ist ja völlig
ungeeignet beim Schafe und Ziegen-Hüten, das Ding. Stolperst Du nur dauernd drüber. Bis du da die Ärmel hochgekrempelt hast, ist so ein Ziegenbock schon über alle Berge. Nein, aber unser feiner Herr Josef musste mit
seinem Teil daher kommen. Das passt ja vielleicht zusammen: Modenschau und verrückte Träume, aber dann uns kontrollieren sollen. Nicht mal gefunden hat er uns auf Anhieb. Musste sich erst in den
Bergen um Sichem nach uns durchfragen. Da kann man mal sehen, wieviel Ahnung der von Viehzucht hatte.
Jedenfalls: Uns hat's gestunken. Ewig die Benachteiligung durch unseren Vater. Eins habe ich jedenfalls aus dieser Sache gelernt: Ich ziehe keins von meinen Kindern den anderen vor. Ich habe alle gleich
lieb. Egal ob Junge oder Mädchen.
Damals aber dachte ich noch anders. Richtig eifersüchtig waren wir auf Josef. Und Eifersucht gebiert Hass. Je länger je mehr haben wir Josef gehasst.
Als er so in seinem bunten Mantel daher kam, da spürten wir alle: Jetzt bietet sich eine passende Gelegenheit. Jetzt können wir ihn loswerden. So ohne den Schutz unseres Vaters. Ich meine, was sollte so
ein siebzehnjähriges Jüngelchen schon gegen uns ausrichten?
Simeon wollte ihn gleich umbringen. Daran habe ich gemerkt: das geht immer so weiter: Eifersucht gebiert Hass und Hass gebiert Mordlust. Simoen war schon immer so jähzornig und
gewalttätig – auch später in seinem Leben noch. War ja wirklich schlimm mit der Vergewaltigung von Dina.
Aber musste er mit Levi zusammen deshalb halb Sichem umbringen? Vater hat das in dieser Härte nicht verstanden. Er fürchtete um seinen guten Ruf bei den Bewohnern Kanaans. Entsprechend hat er die beiden am Ende seines Lebens auch nicht gesegnet, sondern verflucht. Zerstreut werden sollten sie auf unserem künftigen Erbbesitz.
Jedenfalls ist damals bei uns Ruben eingeschritten. Er als unser Ältester, meinte, an Vaters Stelle treten zu müssen um ihn zu beschützen. Also ich denke, wenn Ruben nicht gewesen wäre, dann wäre ich
heute nicht hier. Wenn Ruben nicht Josefs Leben gerettet hätte, dann wären wir wohl alle verhungert. Und mit uns noch viele tausende Menschen mehr. Heute denke ich manchmal: Gott hat Rubens
beschützenden Charakter benutzt, um Josef das Leben zu retten. Ich meine, Ruben war genauso ärgerlich auf Josef. Deshalb hat er ja auch vorgeschlagen, Josef in diese leere Wasserzisterne zu werfen. Ich glaube fast,
er wollte damals Josef heimlich vor uns retten. Er wusste nur noch nicht wie.
Jedenfalls kam er nicht mehr dazu, weil wir eine von diesen Handelskarawanen in unserer Nähe vorbei kam. Wir konnten sie auf dem Bergrücken sehen. Da kam mir eine Idee: Wenn Josef tot
ist, dann haben wir nichts davon. Außer, dass wir endlich diesen Schnösel los sind. Aber wir könnte ihn doch verkaufen, dachte ich. Für zwanzig Silberstücke haben wir ihn dann den Ismaeliten mitgegeben. Ein durchaus
üblicher Preis auf dem Sklavenmarkt damals. Zwei Silberstücke für jeden von uns. Immerhin.
Warum Josef sich schon da nicht gewehrt hat, begreife ich erst so langsam nach und nach.
13 Jahre haben wir nichts von Josef gehört. Wir wussten absolut nicht, was mit ihm passiert war. Bis, ja bis bei uns diese fürchterliche Hungersnot ausbrach. Mit der Zeit waren alle unsere Vorräte
aufgebraucht. Und unser Vater schickte uns nach Ägypten, um dort Brotgetreide einzukaufen. Wir hatten gehört, dass der Pharao einen klugen Ministerpräsidenten hatte, der in den vergangenen sieben Jahren für das
ganze Land Getreide Vorräte angelegt hatte. Vielleicht durften wir ihm was davon abkaufen.
Dort in Ägypten mussten wir uns in eine lange Schlange von Getreidekäufern einreihen. Ich versteh ja ein bisschen was vom Geld, wie ihr vorhin gemerkt habt. Ich denke, der Pharao hat bei
dem Verkauf des Getreides bestimmt keinen schlechten Schnitt gemacht. Eine richtig goldene Nase hat er sich verdient. (Hört man ja, dass die ägyptischen Pharaonen, wenn sie gestorben sind, goldene Gesichtsmasken
bekommen.)
Jedenfalls als wir an die Reihe kamen, war der Ministerpräsident selber beim Austeilen dabei.
Wir vor ihm niedergefallen. Und er gleich losgepoltert: Ihr seid Spione. Unser Land wollt ihr auskundschaften. Nur mühsam konnten wir ihm erklären, dass unser Vater alle seine Söhne
geschickt hat, um Getreide zu kaufen. Aber als ob er Gedanken lesen konnte, fragte er : Alle seine Söhne?
Naja, da haben wir dann kleinlaut damit rausgerückt, dass unser Jüngster, Benjamin, noch zuhause bei Vater ist. Der Ministerpräsident legte das gleich als Lüge aus und steckte uns drei Tage ins
Gefängnis. Ich dachte schon: Das war's. Jetzt hat uns Gott doch für das, was wir Josef angetan haben, drangekriegt. Draufgehen müssen wir alle. Aber genau das Gegenteil ist eingetreten. Überlebt haben wir alle. Und das kam so.
Zunächst hat der Ministerpräsident wohl einen Anfall von Gnade gehabt und uns alle wieder frei gelassen. Alle bis auf einen. Simoen, der der ihn umbringen wollte, der wurde gefesselt und musste in
Ägypten bleib. Solange bis wir mit Benjamin nach Ägypten gekommen wären.
Unsere Getreidesäcke wurde auf unsere Lasttiere aufgeladen. Und als wir uns unterwegs von dem Getreide, was backen wollten merkten wir, dass unser ganzes Geld, in kleinen Beuteln oben in den Säcken lag.
Wir verstanden überhaupt nicht was da passiert. Was hatte Gott uns da angetan? Sollten wir Simeon jetzt auch noch draufgehen lassen.
Als wir unserem Vater die Geschichte zuhause erzählt haben, ist er vor Gram fast krank geworden. Seinen jüngsten Sohn sollte er auch noch hergeben.
Und nur weil wir nach einiger Zeit das Getreide aufgebraucht hatten und die Hungersnot uns so sehr bedrückte, rang er sich schließlich doch noch durch, uns noch mal nach Ägypten zu schicken. Aber erst,
nachdem ich ihm deutlich zu verstehen gegeben habe, dass wir nur dann dort Getreide bekommen würden, wenn der Ministerpräsident unseren jüngsten Bruder zu Gesicht bekäme. Ich habe meinem Vater schließlich
versprochen, für Benjamin als Bürge einzutreten. Wenn ihm was passierten sollte, würde ich für ihn einspringen.
Schweren Herzens ließ unser Vater uns schließlich ziehen. Ich konnte seinen Jammer kaum ertragen.
In Ägypten ging es so seltsam weiter wie beim ersten Mal. Dort angekommen, befahl der Ministerpräsident seinem obersten Diener für uns eine Festmahl herzurichten.
Wir hatten unheimliche Angst, als wir in das Haus des Ministerpräsidenten geführt wurden. Was würde jetzt wieder passieren? Wir sprachen vorher noch mit dem obersten Diener darüber. Aber der sagte, wir
brauchen keine Angst zu haben. Es habe schon alles seine Richtigkeit. Bei Essen ging es genauso merkwürdig weiter: Wir wurden wir alle so gesetzt, dass wir der Reihenfolge nach vom Ältesten bis zum Jüngsten im Kreis
mit dem Ministerpräsidenten gesetzt, sodass Benjamin am nächsten bei ihm saß. Fünfmal mehr bekam er zu essen. Der Ministerpräsident erkundigte sich nach unserem Vater. Es war ein fröhlicher Abend.
Aber uns war doch ein wenig mulmig zumute.
Am nächsten Morgen wurden wieder unsere Lasttiere mit dem Getreide beladen. Aber kaum waren wir aus der Stadt heraus, kam der Diener des Ministerpräsidenten mit einer Militäreskorte hinter uns hergejagt
du kontrollierte nochmal unsere Getreidesäcke. Der Silberbecher des Ministerpräsidenten sei gestohlen.
Und es kam wie es kommen musste, der Silberbecher lag in Benjamins Sack. Wir dachten, jetzt ist der Offen vollends aus. Jetzt werden wir alle umgebracht. Beim letzten Mal dachte der Ministerpräsident
schon wir seien Spione. Jetzt sind wir auch noch Diebe. Dabei hat niemand von uns gewusst, wie der Becher in Benjamins Sack hineingekommen ist. Benjamin am wenigsten.
Wieder in des Ministerpräsidenten Haus, versuchten wir die ganze Sache aufzuklären. Der aber ließ sich nicht erweichen. Wer den Becher gestohlen hatte, sollte bei ihm als Sklave bleiben.
Ich dachte sofort:
Das überlebt unser Vater nicht.- Erst Josef und dann auch noch Benjamin. Beide zu verlieren, das würde er nicht überleben. Und ich dachte daran, was ich Vater versprochen hatte. Ich wollte Bürge sein
für Benjamin.
Egal, mein Leben hing sowieso nur noch an einem seidenen Faden. Und Vater vor Gram umkommen zu sehen, das brachte ich nicht übers Herz.
Da erzählte ich dem Ministerpräsidenten die ganze Geschichte. Von Anfang an, ohne was zu beschönigen. Und ich bot mich selbst als Ersatz für Benjamin an.
Als ich fertig war, geschah das Merkwürdigste und Entspannendste zugleich: Der Ministerpräsident fing an zu weinen und outete sich uns gegenüber als Josef. Er erzählte uns seine ganze
geschichte (...)
Unser Bruder lebte. Er war nicht umgekommen. Gott hatte ihn bewahrt. Gott hatte unsere Böswilligkeit unseren Hass benutzt, um nicht nur uns, sondern viele Tausend Menschen zu retten. Ich war baff.
Gott hatte unseren Hass gekannt und er hat ihn eingeplant, um sein Ziel zu erreichen.
Gott hatte das wir wir Böses tun wollten in Gutes umgemünzt.
Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade.
Gott benutzt das Böse, um Gutes daraus werden zu lassen.
Gott weiß das Böse voraus, aber er münzt es in Gutes um.
Daran will ich mich halten mein Leben lang:
Gott meint es letztlich gut mit uns, auch wenn wir es böse miteinander meinen.
Und letztlich bekommen wir seinen Segen , wenn wir uns an ihn halten und auf seinen Wegen gehen.
Ich bin gespannt, wie meines Vaters Segen über mir sich noch auswirkt. Wie hatte er gesagt?
Es wird das Zepter von Juda nicht weichen noch der Stab des Herrschers von seinen Füßen, bis daß der Held komme, und ihm werden die Völker anhangen.
Gott meint es gut, das will ich mitnehmen.
Amen.
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