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Bibeltext

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!

 

I. die Gnade Jesus Christi

 

Liebe Schwestern und Brüder,

der alte Fritz, also König Friedrich der II. von Preußen war kein Freund langer Worte. Aber damals gab es in der vornehmen Gesellschaft ein Spiel mit Worten. Ein solches Wortspiel schickte der alte Fritz von seiner Residenz in Potsdam mit einer Depesche an den französischen Dichter Voltaire, der zu der Zeit in Berlin weilte.

Das Wortspiel sah so aus (an der Flipchart zeigen):

      •     P            CI
        -------------
        á   --------------
          VENEZ    SANS
      • Französisch: Venez souper á Sanssouci!
      • Deutsch: Kommen Sie zum Abendessen nach Sanssouci!

        Und Voltaire antwortete

        G a

        Französisch: J'ai grand appetit.

        Deutsch: Ich habe großen Appetit.

         

        Ähnliches wortkarges Verhalten legte der alte Fritz an den Tag, als ihm ein Gnadengesuch vorgelegt wurde. Es handelte sich um einen Familienvater, der wegen eines Lebensmitteldiebstahls eingekerkert worden war.

        Der Privatsekretär vom alten Fritz begutachtete die Gnadengesuche vorher und schrieb preußisch knapp untendrunter,

        (an der Flipchart zeigen)

        Gnade unmöglich, im Gefängis lassen

        Fritz korrigierte mit seinem Rotstift nur ein ganz winziges Merkmal. (an der Flipchart

        Gnade, unmöglich im Gefängnis lassen!

        Der Mann kam frei.

        Darum geht es heute im ersten Teil dieser Predigt:

        Die Gnade Jesu Christi macht frei!

        Das erste, was uns dieser Briefschluss und dieser Segen mit auf den Weg gibt ist die Zusage der Befreiung.

        Gnade macht frei.

        Ich versuche mal, mir eine Welt ohne Gnade vorzustellen:

        Eine Welt ohne Gnade wäre eine Welt voller Krieg: Und zwar sowohl zwischen Völkern als auch zwischen einzelnen Menschen. In einer Welt ohne Gnade gäbe es keinen Frieden, weil jeder dem anderen seine Vergehen nachtragen würde. Fehler würden nicht vergessen sondern immer wieder aufgewärmt. Ich würde auf mein Versagen festgenagelt. In einer Welt ohne Gnade würden die Schwachen an die Wand gedrückt. Die, die sich nicht wehren können. Behinderte, Kranke, Alte. In einer Welt ohne Gnade gäbe es keine Sozialarbeit. Eine Welt ohne Gnade wäre eine Welt der Euthanasie. In einer Welt ohne Gnade gäbe es keine Kirche, keine Gemeinschaft der begnadigten Sünder. In einer Welt ohne Gnade gäbe es keine Liebe. Denn nur die Liebe kann barmherzig, kann gnädig sein. In einer Welt ohne Gnade gäbe es keine Gemeinschaft. Denn zu zeigen, dass man einen anderen braucht, wäre ein Zeichen von Schwäche. Eine Welt ohne Gnade ist eine harte Welt. Eine tödliche Welt.

        Ich möchte nicht in einer Welt ohne Gnade leben.

        Paulus segnet uns als erstes, indem er uns die Gnade Jesu Christi zusagt:

        Was ist das? Die Gnade Jesu?

        Der Apostel Paulus hat sie einmal im Epheserbrief in ganz kom-primierter Form beschrieben: (Epheser 2, 4-6)

        Gott ist reich an Erbarmen. Er hat uns seine ganze Liebe geschenkt. 5 Durch unseren Ungehorsam waren wir tot; aber er hat uns mit Christus zusammen lebendig gemacht. - Bedenkt: Aus reiner Gnade hat er euch gerettet! - 6 Er hat uns mit Jesus Christus vom Tod auferweckt und zusammen mit ihm in die himmlische Herrschaft eingesetzt.

        Voraussetzung für die Gnade ist Gottes Barmherzigkeit. Er will mit uns gut sein! Er will ein ausgesöhntes Verhältnis mit uns! Er will mit uns in einer friedlichen Beziehung leben.

        In Kraft gesetzt aber wird die Gnade durch die Auferweckung Jesu. Indem Jesus so den Tod überwand, nahm er allem Tödlichen die Macht. Er nahm der gnadenlosen Welt die Macht. Und er nimmt uns mit in den Himmel, in die Welt der Gottesliebe, in die unumschränkte Herrschaft der Barmherzigkeit Gottes.

        Diese Zusage der Befreiung gibt uns der Seher Johannes noch mal ganz eindringlich mit dem letzten Satz der Bibel mit:

        Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen! (Offenbarung 22,21)

        Die Gnade Jesu befreit uns von allem Todbringenden, vonb allem Beziehung zerstörenden in unsrem Leben.

        Darum gehören die Gnade Jesus Christi und die Liebe Gottes ganz eng zusammen.

        II. die Liebe Gottes

        In dem Buch "Hallo Mister Gott, hier spricht Anna" beschreibt die kleine Anna ihrem Freund Fynn, wie sie Gottesliebe versteht:

        Anna sagte: "Gott hat mich nicht so lieb wie du, es ist bloß anders, nämlich millionenmal größer!" Mit der Sicherheit der Chirurgen schnitt sie in die Wunde, die ein nutzloser Funke Eifersucht gebrannt hatte. Sie sagte: "Fynn, du hast mich lieber als irgendwer sonst. Aber mit Mister Gott ist das anders. Siehst du, Fynn, Leute lieben von außen rein, und sie können dich von außen küssen, aber Mister Gott liebt dich innen drin und kann dich von innen küssen, darum isses anders. Mister Gott is nich wie wir. Wir sind bloß ein bisschen wie er, aber nich viel."

        Seid Ihr auch schon mal von innen geküsst worden? Hat Gott Euch auch schon mal so ganz tief innen berührt mit seiner Liebe?

        Als ich dieses Erlebnis zum ersten Mal hatte, da dachte ich fast, ich werde von einem Glücksgefühl überschwemmt. Es war ein Gefühl der Befreiung von allem Schlechten, was mein Leben bis dahin belastete. Ich fühlte mich bedingungslos von Gott geliebt. Ich wusste: Ich bin von Gott angenommen, so wie ich bin.

        Johannes beschreibt das in seinem 1. Brief etwas nüchterner:

        9 Gottes Liebe zu uns hat sich darin gezeigt, daß er seinen einzigen Sohn in die Welt sandte. Durch ihn wollte er uns das neue Leben schenken. 10 Das Einzigartige an dieser Liebe ist: Nicht wir haben Gott geliebt, sondern er hat uns geliebt. Er hat seinen Sohn gesandt, damit er durch seinen Tod Sühne leiste für unsere Schuld. ... 16 Und wir haben erkannt und halten im Glauben daran fest, daß Gott uns liebt. Gott ist Liebe. Wer in der Liebe lebt, lebt in Gott, und Gott lebt in ihm.

        Für Johannes ist Gottes Liebe ganz eng mit der Person Jesu verknüpft. In Jesus offenbart Gott seine Liebe. Durch das, was Jesus uns sagt. Durch das, was er uns vorlebt. Durch das, was er für uns tut.

        Wer Gottes Liebe entdecken möchte, der braucht nur in der Bibel nachzulesen. Die Bibel ist nichts anderes als ein einziger Liebesbrief Gottes an uns Menschen.

        Gott will in einer liebevollen Beziehung zu uns leben, das ist die Kernaussage dieses Segensteils. Und er wartet darauf, dass wir, dass ich, dass Du auf diese Liebe antwortest. Sie annimmst und dich von ihm von innen küssen lässt.

        Wenn jemand sich danach sehnt, bedingungslos geliebt zu werden, dann sag es doch Gott:

        "Gott, ich sehne mich so nach Deiner Liebe. Ich möchte das gerne erleben. Kannst Du mich nicht auch von innen küssen? Ich bitte dich drum! Ich möchte gerne lieben. Aber dazu brauche ich, dass ich von Dir zuerst geliebt werde. Komm, lebe in mir! Und führe mich auf Deinen Weg der Liebe, der Gnade und der Gemeinschaft." So könnte ein Gebet aussehen, mit dem du Gott in dein Leben einlädst. Und ich weiß: Gott sehnt sich nach nichts mehr, als wenn ein Mensch mit ihm in einer vertrauensvollen Beziehung leben möchte. Gott antwortet ganz sicher auf solche ehrlich gemeinten Gebete. Wo jemand sich ganz Gott öffnet, ihm sein Versagen nennt, um Bereinigung bittet und mit Gott einen Neuanfang machen will. Gott ist Liebe. Wer in der Liebe lebt, lebt in Gott.

         

        Der dritte Teil unseres Segens schließlich macht klar, dass diese Gnade Jesu und die Liebe Gottes nicht im luftleeren Raum erfahren und gelebt werden kann.

        III die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
        kann zweierlei bedeuten und will wohl auch bewusst diese Doppeldeutigkeit ausdrücken.

        Es kann zum einen die Gemeinschaft mit dem Geist Gottes bedeuten. Die Gemeinschaft, die der Heilige Geist zwischen Gott und mir, zwischen Gott und Menschen stiftet.

        Es kann aber auch die Gemeinschaft sein, die der Geist Gottes zwischen allen stiftet, die sich ebenfalls von Gott geliebt wissen. Die Gemeinschaft der Glaubenden. Die Gemeinschaft der Töchter und Söhne Gottes. Die Gemeinschaft der Bettler, die einander sagen, wo es Brot gibt. Die Gemeinschaft der Jesus-Nachfolger, die sich in der Gemeinde Jesu versammelt.

        Diese doppelte Bedeutung der Gemeinschaft, die der Geist Gottes schenkt, sieht auch der Verfasser des 1. Johannesbriefes. Er schreibt da im ersten Kapitel:

        3 Was wir so gesehen und gehört haben, das verkünden wir euch, damit ihr in Gemeinschaft mit uns verbunden seid. Und die Gemeinschaft, die uns miteinander verbindet, ist zugleich Gemeinschaft mit dem Vater und mit Jesus Christus, seinem Sohn. ... 6 Wenn wir behaupten, Gemeinschaft mit Gott zu haben, und gleichzeitig im Dunkeln leben, dann lügen wir und tun nicht, was der Wahrheit entspricht. 7 Leben wir aber im Licht, so wie Gott im Licht ist, dann haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut, das sein Sohn Jesus für uns vergossen hat, reinigt uns von jeder Schuld.

        Gemeinschaft ist ein Beziehungsbegriff. Gemeinschaft kann ich nur mit anderen Menschen haben. Genauso wie Liebe und Gnade Beziehungsbegriffe sind. Lieben kann ich nur einen anderen Menschen. Gnädig gesinnt sein kann ich einem anderen Menschen. Darum, wenn Gnade, Liebe und Gemeinschaft so eng mit Jesus, Gott und dem Geist Gottes verknüpft werden, wird klar, dass es bei diesem Segenswort um eine Beziehung geht. Der Glaube an den Vater der Liebe, den Sohn der Gnade und den Geist der Gemeinschaft ist ein Beziehungsgeschehen. Gott will eine Beziehung zu mir, zu uns und er will die Beziehungen unter uns vernetzen. Glaube an Gott ist deshalb ohne die Gemeinschaft der anderen Glaubenden nicht möglich. Glaube für sich allein verkümmert. Leute, die behaupten: "Ich glaube an Gott, aber die Kirche brauche ich dazu nicht", muten sich selbst einen armen Glauben zu. So viel Kritik man an der Kirche und Jesu Bodenpersonal haben kann, eines kann man ihr nicht absprechen: Dass sie die sammelt, die gemeinsam den Glauben an Jesus Christus leben wollen. Und dass sie Gott und seine Sache im Gespräch hält. Wo sonst kann ich im Glauben wachsen, als in der Gemeinschaft derer, die mit mir auf dem Weg der Nachfolge sind. Gemeinschaft ist darum ganz wesentlich dafür, dass mein Glaube, mein Vertrauen zu Gott meinem Schöpfer und Jesus meinem Erlöser Bestand hat und zunimmt.

        Richard Beauvais hat in wenigen Sätzen zusammengefasst, worin für ihn der Wert der Gemeinschaft besteht:

        "In der Gemeinschaft kann ein Mensch erst richtig klar über sich werde und sich nicht mehr als den Riesen seiner Träumen oder den Zwerg seiner Ängste sehen, sondern als Mensch, der – Teil des Ganzen – zu ihrem Wohl seinen Beitrag leistet. In solchem Boden können wir Wurzeln schlagen und wachsen; nicht mehr allein – wie im Tod -, sondern lebendig als Mensch unter Menschen."

        Ich wünsche uns allen hier diese Lebendigkeit.

        Am Schluss möchte ich noch mal kurz zusammenfassen, was dieses paulinische Segenswort am Ende des 2. Korintherbriefes bedeutet.

        Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!

        Das bedeutet:

        Die Gnade Jesu Christi macht uns frei.

        Die Liebe Gottes küsst uns von innen.

        Und die Gemeinschaft des Heiliger Geistes verbindet uns mit Gott und anderen Glaubenden.

        Ich wünsche uns allen, dass Gott diesen Segen in unserem Leben verwirklicht, dass er damit unsere Sehnsüchte stillt und dass wir das eines Tages in Vollendung erleben dürfen am Tisch in seiner Herrlichkeit.

        Amen.

         

        Ich möchte gerne diesen Segen nochmal als Bitte aufnehmen in dem Taizé-Lied. "Bleib mit Deiner Gnade bei uns". Ich habe mir der Vollständigkeit halber erlaubt, noch zwei weitere Strophen dazu zu fügen.

         

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