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Bibeltext
Vom Beten. Das Vaterunser
Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie
haben ihren Lohn schon gehabt.
6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's
vergelten.
7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.
8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.
9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt.
10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
11 Unser tägliches Brot gib uns heute.
12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben.
15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.
Ihr Lieben,
der Evangelist Matthäus stellt das Vaterunser in den Zusammenhang der Bergpredigt. Bei Lukas antwortet Jesus damit auf die Bitte: Herr lehre uns beten. (Lk 11,1). Lukas hat als Leser vor allem
griechisch-sprachige Heidenchristen vor Augen. Matthäus wendet sich vor allem an Juden und Judenchristen. Dort war das Problem, dass das Gebet manches mal zur öffentlichen Proklamation verkommen war. Wir kennen das
aus der Geschichte vom Zöllner und Pharisäer, die im Tempel beten und wo der Pharisäer sich an seine Brust schlägt und sagt: Herr, ich danke Dir, dass ich nicht bin wie dieser Zöllner da. Es ging manchmal mehr ums
Gesehen-Werden als um den direkten Kontakt mit Gott
Darum beantwortet Jesus bei Matthäus außer der Frage "Was sollen wir beten"? noch drei andere Fragen. Nämlich:
Wo sollen wir beten?
Wie sollen wir beten? und
Welche Konsequenzen hat das Gebet?
Auf das Wo? Gibt er die Antwort: Im stillen Kämmerlein, wie Luther das übersetzt. Es geht einfach darum, das wir beim Beten möglichst ungestört, möglichst wenig abgelenkt sein sollen. Gebet ist vor allem
Zwiegespräch mit Gott. Es ist Reden des Herzens mit Gott, wie es in dem alten methodistischen Spoerri-Katechismus hieß. Und es ist Hören auf Gottes Stimme. Und Gottes Stimme hören wir am besten, wenn möglichst keine
anderen Stimmen dazwischen funken. Deshalb der Rückzug an einen stillen Ort.
Auf die Frage des Wie antwortet Jesus: Macht möglichst wenig Worte! Plappert nicht beim Beten! Redet kein unnützes Zeug. Zum Beispiel die Bitte, dass Gott immer bei uns ist. Wir brauchen nicht um etwas
bitten, das Gott uns schon längst zugesagt hat: "Siehe, ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende" (Mt 28,20). Vielmehr sollten wir darum bitten, dass uns diese Gegenwart Gottes bewusst wird, damit
wir aus seiner Kraft gelassen leben und den Tag angehen können. Gott weiß schon, was wir nötig haben. Der alte Bischof Dibelius hat einmal bei einer Tagung ein Doppelzimmer mit einem Studenten bekommen. Der Student
war natürlich gespannt, wie der berühmte Bischof den Tag beenden würde. Ob er sich vor sein Bett knien und inbrünstige beten würde. Umso erstaunter war er, als Dibelius sich im Bett zur Wand drehte und noch
murmelte. "Gell, lieber Gott, du weißt schon, zwischen uns bleibt alles beim alten."
Oder die vierjährige Angela. Sie spricht ein schönes Abendgebet und bitte um Gesundheit für die Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten und alle Verwandten. Nun soll der sechsjährige Bruder Florian auch
beten. Schließlich bequemt er sich und sagt: "Lieber Gott, mach's so, wie's die Angela schon gesagt hat."
Das ist wahres Gottvertrauen, das nicht viele Worte macht.
Das Vaterunser hat 63 Wörter, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung hat 300 Wörter, und die Verordnung der Europäischen Gemeinschaft über den Import von Karamelbonbons hat exakt 25.911 Wörter.
Offenbar nimmt mit der Anzahl der Wörter ihre Bedeutung ab.
Darum lohnt es sich, dieses Gebet, das Jesus uns selbst gelehrt hat, als Modellgebet für alle unsere Gebete immer wieder einmal durchzubuchstabieren. Denn an ihm können wir uns immer wieder orientieren, was wir beten sollen. Das Vaterunser ist deshalb so modellhaft, weil es so klar unsere wirklich Lage veranschaulicht. In wenigen Begriffen und Sätzen finden wir unsere Welt wieder, ist unsere ganz große Hoffnung und unser ganz großes Elend beschrieben. Es ist der Lebensraum, in den Jesus uns stellen möchte. Vater – im Himmel , dein Reich – unser tägliches Brot, Schuld – Vergebung, Versuchung – Erlösung. Ein Ausleger hat das mal ganz treffend formuliert. Er sagt: Ganz diesseitig und doch dem Himmel nah, in materielle Probleme verstrickt und dem Ewigen verpflichtet, schwankend, irrend zwischen Gut und Böse, hilflos und doch fähig – so sind wir, das ist unsere Lebenssituation.
Jörg Zink hat uns vorhin deutlich gemacht, dass jeder seine eigene Art finden muss, das Vaterunser für sich fruchtbar zu machen. Ich habe mir ab und zu das Vaterunser als Lückentext auf ein Blatt
geschrieben.
(Blatt hochhalten)
Auf den Zeilen dazwischen kann ich dann eintragen, was mich im Moment dazu bewegt. Auf diese Weise wird das Vaterunser für mich lebendig mit meiner derzeitigen Lebenssituation verbunden.
Ich will das auch jetzt einmal wieder in dieser Predigt versuchen:
Vater unser im Himmel,
Du sollst zuerst kommen, nicht ich, nicht wir. Auch wenn es komisch klingt und garnicht unserem Sprachgebrauch entspricht "Vater unser". Du sollst trotzdem an erster Stelle stehen. Das lenkt
meinen Blick weg von meinen Problemen hin zu Deinen Möglichkeiten, Deiner Macht und Stärke. Danke, dass Dein Himmel an vielen Orten ist, dass Du viele Wohnungen hats, dass Du überall zugleich sein kannst, auch bei
mir. Mach mir das immer wieder bewusst.
geheiligt werde Dein Name.
Herr, ich weiß nicht so richtig, was das bedeutet. Ich weiß nur, heilig ist etwas, das zu dir gehört. Dein Name gehört zu Dir. Du hast dich Mose mit Namen vorgestellt. Ich bin der "Ich bin" hast
Du gesagt. Danke, dass ich deshalb das Vertrauen haben darf, dass Du immer da bist. Laß mich deinen Namen nicht vereinnahmen, sondern mit Respekt begegnen wie einem Vater.
Dein Reich komme.
Ich weiß, Herr: Trachtet zuerst nach Gottes Reich, so wird euch alles andere zufallen, hat einmal dein Sohn zu uns gesagt. Aber das ist ganz schön schwer. Oft habe ich doch nur das Naheliegende im Blick.
Das was auf meinem Schreibtisch liegt. Der Berg Wäsche, der auf mich wartet, die Kinder, die versorgt sein wollen. Hilf mir, dass ich allem dem Dein Reich entdecke, und es noch an vielen Stellen darüber hinaus
entdecke. Und wenn Du mich dazu gebrauchen kannst, Dein Reich auf dieser Welt auszubreiten, dann will ich mich dir zur Verfügung stellen.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Tja, Herr, ich muss Dir wohl gestehen, dass mein Wille Deinem manchmal im Wege steht. Hilf mir, dass ich Deinen Willen immer besser verstehe und mich da hineinfügen kann. Denn ich weiß, du willst das Beste
für uns. Du willst, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Danke dass das auch mir gilt!
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Herr, ich mag Brot. Danke, dass Du auch an die Grundlagen unseres Lebens denkst. Dass es nicht nur etwas unfassbar um dein Reich oder Deinen Namen geht, sondern auch um das, was ich ganz alltäglich
brauche. Hilf denen, die nicht genug zum Essen haben. Und zeig uns, wie wir ihnen helfen können.
Und vergib uns unsere Schuld,
meine ganz persönliche Schuld. Herr, wir beide kennen sie sehr gut. Hilf mir immer wieder daran zu arbeiten und mit ihr fertig zu werden. Aber auch unsere Schuld als Gemeinde und Gemeinschaft, das, was wir
an anderen versäumen, befehlen wir Deiner Gnade an
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Erinnere uns daran, dass Vergebung auch bedeutet, das wir Menschen vergeben, die an uns schuldig geworden sind. Wir haben es schon erlebt, dass uns das beiden guttut. Hilf mir über meinen Schatten zu
springen und anderen in meinem Herzen mit Worten und auch mit der Tat zu vergeben.
Und führe uns nicht in Versuchung,
Herr ich habe das nie ganz verstanden, ob das wirklich stimmt, dass Du mich in Versuchung führst. Willst du mich damit auf die Probe stellen, ob ich bei dir bleibe? Oder lässt Du die Versuchung allenfalls
zu? Jedenfalls bitte ich dich um Standhaftigkeit, wenn ich versuchlich werde.
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Ja, Herr, das Böse, will immer wieder nach meinem Leben greifen. Vergib mir, wo ich dem Bösen in mir Raum gelassen habe. Und nimm du das Böse in mir und in unserer Welt unter deine Gewalt. Weise es in
seine Schranken und erlöse uns eines Tages ganz davon.
Denn dein ist das Reich
Danke, Herr, dass Dein Reich nicht erst kommt, sondern dass es schon da ist. Schenke mir Augen dafür, damit ich einen Abglanz Deiner Herrlichkeit sehen darf.
und die Kraft
Die brauche ich jeden Tag, Herr. Hilf mir nicht zu meinen, ich könnte und müsste alles aus eigener Kraft schaffen. Vergib mir das mangelnde Vertrauen in Deine Kraft.
und die Herrlichkeit
auf die ich mich freue.
in Ewigkeit.
Nämlich dann, wenn ich immer in Deiner Gegenwart sein darf.
Amen.
Und schließlich fordert uns Jesus auf, diesem Gebet auch Konsequenzen folgen zu lassen. Vergebung muss konkret werden, sonst nützt sie nichts. Wir sollen anderen vergeben, aber uns auch vergeben lassen.
Denn gegenseitige Vergebung stellt menschliche Gemeinschaft wieder her.
Gott helfe uns, dass es uns gelingt, mit dem Vaterunser nicht nur Auswendig Gelerntes zu wiederholen, sondern es auch in unsere Leben zu übersetzen.
Amen.
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