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Ihr Lieben,

der heutige Predigttext hat zu Beginn etwas mit dem Nach-Hause-Kommen zu tun. Da kommt Jesus nämlich in den kleinen Ort Betsaida, aus dem drei seiner Jünger stammen: Petrus, dessen Bruder Andreas und Philippus, der ebenfalls zu den zwölf Jüngern gehörte.

Was in Betsaida passiert ist, wird in Markus 8, 22-26 so beschrieben:

Die Heilung eines Blinden bei Betsaida:

22 Jesus und seine Jünger kamen nach Betsaida. Da brachte man einen Blinden zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren.
23 Er nahm den Blinden bei der Hand, führte ihn vor das Dorf hinaus, bestrich seine Augen mit Speichel, legte ihm die Hände auf und fragte ihn: Siehst du etwas?
24 Der Mann blickte auf und sagte: Ich sehe Menschen; denn ich sehe etwas, das wie Bäume aussieht und umhergeht.
25 Da legte er ihm nochmals die Hände auf die Augen; nun sah der Mann deutlich. Er war geheilt und konnte alles ganz genau sehen.
26 Jesus schickte ihn nach Hause und sagte: Geh aber nicht in das Dorf hinein!

Ihr Lieben,

in Betsaida haben die Leute schon einiges von Jesus gehört. Vielleicht, weil der Ort am See Genezareth lag, wo Jesus schon viele Predigten gehalten und viele Wunder getan hat. Vielleicht auch durch verwandtschaftliche oder freundschaftliche Beziehungen zu Petrus, Andreas oder Philippus. Jedenfalls war Jesus Ihnen kein Unbekannter.

Sie hatten auf jeden Fall schon gehört: Wo Jesus hinkommt, kann man Kranke zu ihm bringen. Und er legt Ihnen dann die Hände auf und die Kranken werden gesund.

Das war schon etwas Besonderes, diesen Jesus wieder einmal bei Ihnen im Dorf zu haben!

Aber sie haben noch mehr wahrgenommen. Ihnen ist nämlich eingefallen, dass ein bedauernswerter Mensch bei ihnen ist, der Hilfe wirklich nötig hätte. Völlig erblindet ist der arme Mann.

Den bringen sie nun zu Jesus und bitten für ihn um Hilfe.

Sie trauen der Macht Jesu etwas zu.

Wir sind heute hier im Gottesdienst. Wir singen Lieder, hören die Predigt, teilen die Gemeinschaft, beten. Aber trauen wir ihm auch zu, dass er unsere Bitten erhört? Vertrauen wir darauf, dass es nicht umsonst ist, wenn wir in der Fürbitte Menschen zu ihm bringen, die in Not sind?

Die Menschen in Betsaida haben erwartet, dass Jesus den Blinden heilt. Entweder haben sie es schon so oft gehört (wie wir ja auch), vielleicht auch schon selber miterlebt. Jedenfalls sagen sie zu ihm: "Jesus, rühre den Blinden doch an, lege ihm die Hand auf – dann wird er wieder sehen können."

Das sieht allerdings auch uns ganz ähnlich: Wenn wir uns einmal ein Herz gefasst haben, Jesus konkret um Hilfe zu bitten, dann haben wir uns schon überlegt, wie Jesus das tun soll.

So kommen sie zu Jesus und sagen: "Lege ihm die Hand auf – dann wird es besser werden."

Jesus hört sie an, aber er lässt sich nicht unsere Vorstellungen aufzwingen – auch nicht durch noch so heiße Bitten. Er geht seinen eigenen Weg – auch mit uns.

Er reagiert auf unsere Bitten – er hilft dem Blinden tatsächlich. Aber auf seine Weise.

Zunächst führt Jesus den Blinden aus den Augen der Leute. Er will keine große Show aus seiner Hilfe machen. Sicher, die Leute aus Betsaida hatten Mitleid mit dem Blinden, wollten Hilfe für ihn. Aber ein Wunder direkt in ihrem Dorf – das wäre doch mal was. die Sensation nicht nur in der Bildzeitung lesen, sondern selber miterleben. Das möchte ich sehen. Da wäre man ja noch dichter dran als bei Big Brother.

Aber genau das möchte Jesus nicht, weder damals noch heute: Auftreten als der große Wunderheiler, dem alle zujubeln. Er will nicht nur oberflächliche Neugierde befriedigen, sondern den Menschen wirklich in der Tiefe helfen.

Er möchte, dass Menschen Vertrauen zu ihm fassen, eine Beziehung zu ihm bekommen, ihm ihr Leben anvertrauen.

So führt er den Blinden hinaus vor das Dorf, um mit ihm ganz allein zu sein. Und da macht er ganz was Merkwürdiges: Im griechischen Urtext steht: Er spuckte ihm in die Augen. Stellt Euch das einmal vor. Euch würde jemand ins Gesicht spucken. Igitt! Das war den Menschen zur Zeit Jesu eher noch unangenehmer als uns heute. Anspucken war ein Zeichen höchster Verachtung.

Was wird der Blinde wohl in dem Moment gedacht haben?

Begeistert war er sicher nicht.

Aber sind wir von allem begeistert, was uns im Leben begegnet? Jeder von uns hat sein Päckchen zu tragen. Manchmal selbstverschuldet, manchmal auch, weil Gott es uns aufgelegt hat. Nicht jeder Weg, auf dem wir uns befinden, ist der Weg, den wir uns ausgesucht haben. Wir werden viele Wege geführt, bei denen uns gar nichts anderes übrigbleibt, weil wir keine Wahl haben.

Jesus hat den Blinden nicht danach gefragt, wie er ihn heilen soll.

Warum handelt Jesus so und nicht anders?

In unserem Leben kann es oft genauso gehen. Wenn wir es Jesus anvertrauen, geht trotzdem nicht alles glatt und nach unseren Wünschen. Und manchmal fragen wir uns dann: Warum muss das denn sein? Warum lässt Gott das zu? Warum führt Gott das so in meinem Leben und nicht anders?

Und wir bekommen keine Antwort. Da mag es noch so kluge Ratschläge von anderen geben. Zu Vielem bekommen wir eben keine Antwort.

Da hilft es, wenn wir weiter lesen. Denn dass Jesus Speichel auf seine Augen schmiert, ist ja nicht alles, was der Blinde mit Jesus erlebt.

Dadurch, dass er von Jesus das Unangenehme, ja Abstoßende annimmt, erlebt er Heilung. Jesus zu vertrauen lohnt sich, auch wenn es unangenehm wird.

Doch zunächst wird er nicht vollkommen heil. Als Jesus ihn fragt: "Was siehst Du?" antwortet er: "Ich sehe die Menschen umhergehen wie Bäume." Daran können wir ablesen, dass er nicht von Geburt an blind war, sonst wüsste er nicht, wie Menschen und wie Bäume aussehen.

Man kann sich das ja richtig bildlich vorstellen: Ein Baum ist voller Blätter, ein leichter Wind bläst hinein und die Zweige bewegen sich hin und her. So sieht der Blinde in diesem Moment die Menschen, von denen Jesus zwar mit dem Blinden weggegangen ist, die aber offenbar doch hinterher gekommen sind und drum herum laufen. Der Blinde sieht die Dorfbewohner. Stellt Euch seine Freude vor, dass er die Menschen sehen konnte, mit denen er tagtäglich zu tun hatte. Verschwommen – aber er konnte sehen!

Wir haben hier in unserer Gemeinde auch einige, die sich z.B. wegen Grauem Star einer Augenoperation unterziehen mussten. Manche haben mir erzählt: Direkt nach der OP konnten sie nicht gut so sehen, aber wesentlich besser als vorher. Was waren sie darüber glücklich!

Und so war sicher auch der Blinde glücklich und Jesus dankbar.

So geht es uns vielleicht auch, dass wir, wenn wir in Kontakt mit Jesus kommen und etwas von Gott erkennen, über uns, über das Leben mit Gott, dass wir dann glücklich werden.

Aber Jesus bleibt dabei nicht stehen. Er sagt nicht: "Du kannst ja jetzt wieder etwas sehen. Damit sollst du zufrieden und Gott dankbar sein. Jetzt geh nach Hause." sondern Jesus macht ihn völlig gesund.

Meines Wissen ist das die einzige Heilung im Neuen Testament, bei der Jesus statt sofort ganz zu heilen, in zwei Abschnitten heilt. Warum handelt Jesus hier so?

Der Blinde selber gibt uns keinen Anhaltspunkt für das Handeln Jesu. Warum also heilt Jesus nicht auch ihn sofort und vollständig?

Ich meine: Der Zusammenhang unseres Predigttextes legt nahe: Jesus hat hier wegen seiner Jünger so gehandelt.

Die Jünger waren nämlich Menschen wie wir heutigen Menschen auch, wie wir selber. Die Jünger hatten kurz zuvor etwas Wichtiges mit Jesus erlebt: die Speisung der 4000. Sie hatten erlebt, wie Jesus aus ganz wenigem – aus sieben Broten - 4000 Menschen zu essen gegeben hat, so dass es für alle ausgereicht hatte und noch Reste  übrig blieben. Anschließend waren sie mit Jesus im Boot unterwegs auf dem See Genezareth. Es war ein langer Tag gewesen. Proviant hatte sie keinen dabei. Und Jesus spricht nun mit ihnen über das, was ihm besonders am Herzen liegt, über geistliche Dinge. Er warnt sie davor, sich verführen zu lassen.

Aber was bewegt die Jünger nach dem Wunder bei der Speisung der 4000? Worüber denken sie nach, als Jesus ihnen etwas für ihr Leben mitgeben will? Nichts anderes als: "Wir haben ja gar nichts zu essen dabei. Nichts ist da." Statt, dass ihnen das Wunder die Augen für Jesus geöffnet hat und sie jetzt bereit sind, auf ihn zu hören, machen sie sich nur Gedanken über das Essen.

Ich hoffe, Ihr habt heute morgen schon gefrühstückt, dass Euch der Gedanke ans Essen nicht von Gottes Wort ablenkt...

Die Jünger jedenfalls ließen sich ablenken. Und Jesus muss sie zurechtweisen: "Was habt ihr nur für einen kleinen Glauben? Wie wenig versteht ihr doch? Gerade habt ihr mit mir ein solches Wunder erlebt und dann macht ihr euch über die gleiche Sache solche Gedanken und Sorgen?"

Wenn ich auf mein eigenes Leben zurückblicke, dann muss ich leider sagen: Oft ist es bei mir genauso wie bei den Jüngern. Da hat mir Jesus geholfen, hat mir Wege gezeigt, Türen geöffnet – und dann stehe ich vor dem gleichen Problem wieder und weiß: ich kann das Problem nicht lösen. Aber statt, dass ich dann sage: "Herr Jesus, du hast mir vorher auch schon geholfen. Ich will darauf vertrauen, dass du wirst mir auch jetzt beistehst." Nein, stattdessen mache ich mir über das Problem die gleichen Gedanken, als hätte ich nie im Leben Gottes Hilfe erfahren.

Jesus möchte aber, dass wir dazulernen. Dass wir lernen, ihm zu vertrauen. Und vielleicht hatten die Jünger das nötig – und wir auch – dass Jesus am Beispiel des Blinden gezeigt hat: "Ich möchte euch nicht nur ein bisschen gesund machen. Ich lasse euch nicht noch halb im Schlamassel stecken. Ich möchte euch ganz heilen, auch innerlich heil machen. Es genügt mir nicht, wenn ihr ein bisschen von Gott erkennt."

Im Alten Testament wird die Heilung von Blinden als Zeichen für den Messias angekündigt. Als Zeichen für den, der kommen soll, um Israel und die Menschheit zu retten.

Vielleicht sind den Jüngern jetzt nach dieser Heilung des Blinden selber die Augen und auch das Herz aufgegangen. Denn direkt nach diesem Ereignis fragt Jesus die Jünger: "Was halten den die Leute von mir? Was meinen Sie, wer ich bin?"

Und die Jünger antworten dies und jenes. Aber als Jesus sie direkt fragt: "Für wen haltet ihr mich?", da sagt Petrus sein berühmtes Bekenntnis: "Du bist Christus, du bist der Sohn des lebendigen Gottes."

Das dürfen wir für uns aus diesem Handeln Jesu mit nach Hause nehmen zum Nachdenken und zum Leben: Dass Jesus mit uns nicht auf halbem Wege stehen bleiben will und das wir selber uns nicht mit Halbheiten im Leben mit ihm begnügen sollen, sondern unser Leben ihm ganz anvertrauen.

So manches Unangenehme, das Jesus uns schickt, soll uns nicht belasten oder beschämen, sondern auf dem Weg mit ihm weiterführen.

Wir, die wir in einem Leben stehen, das nicht immer glatt geht, dürfen fest auf Jesus vertrauen. Er wird es gut machen. Amen.

 

 

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