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Bibeltext
28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
Zielaussage:
In der Verbindlichkeit der Gemeinde Jesu finde ich Glauben, Heimat, Gemeinschaft, Hilfe, Unterstützung, Solidarität, Meinungsbildung. Das hilft mir in einer Welt der 1000 Möglichkeiten
einen festen Standpunkt zu haben, von dem aus ich in Freiheit handeln kann.
I. Die Beobachtung
Ihr Lieben,
heute in diesem Gottesdienst werden wir eine Familie verabschieden und demnächst in eine andere EmK–Gemeinde überweisen. Vergangene Woche habe ich noch eine Frau auf einen anderen Bezirk
überwiesen und davor die Woche eine Frau in eine andere Kirche.
Seit Anfang diesen Jahres werden damit etwa 10 Personen unsere Gemeinde verlassen haben. Darunter Kirchenangehörige und Kirchenglieder. Im gleichen Zeitraum sind zwei Kinder durch Taufe als
Kirchenangehörige dazu gekommen. Dazu kommt, dass wir seit 5 Jahren keine Gliederaufnahme mehr hatten.
Man könnte sich damit beruhigen und sagen: Damit liegen wir voll im EmK-Trend. Die Kirchenglieder werden immer weniger und die Kirchenangehörigen nehmen leicht zu. Damit gleicht sich das
auf ca. 0,4 % weniger Menschen pro Jahr in unserer Süddeutschen Jährlichen Konferenz aus.
Aber mir lässt das keine Ruhe. Denn hier geht es nicht in ersten Linie um Zahlen, sondern um Menschen. Ich denke, dass es legitim ist, wenn eine kleiner werdende Kirche und eine kleiner
werdende Gemeinde sich darüber Gedanken macht, wie sie solch einen Trend aufhalten kann.
Wir haben vor, am Sonntag, den 21. Oktober dieses Jahr wieder die Möglichkeit zu einer Gliederaufnahme anzubieten. Kirchenglieder sind Menschen die verbindlich sagen: Ja, ich glaube an
Jesus Christus. Ich will ihm auf seinen Wegen folgen. Und diesen Weg möchte ich in der Evangelisch-methodistische Kirche gehen und dort mitarbeiten.
Nun werden wir wohl kaum Menschen für Jesus und für seine Gemeinde gewinnen, wenn sie spüren: Hier geht es nur um Zahlen; nur darum, dass die Gemeinde wächst.
Nein. Zu aller erst muss es uns um die Menschen gehen. Um die, die Jesus nötig haben. Und um die, die unsere Gemeinschaft nötig haben. Nicht umsonst haben wir in unserem Leitbild als zwei
unserer Grundüberzeugungen formuliert. Wir sind füreinander und für andere da und Wir achten die persönlichen Bedürfnisse und fördern die Gemeinschaft.
II. Die Bedürfnisse
Welche Bedürfnisse haben die Menschen denn heute? Und zwar nicht nur die innerhalb sondern auch die außerhalb unserer Gemeinde?
Der amerikanische Psychologe Maslow hat 1954 eine sogenannte Bedürfnis-Pyramide aufgestellt. Das etwas umstrittene Modell geht davon aus, dass Bedürfnisse einer höheren Ebene erst dann das
menschliche Verhalten beeinflussen, wenn darunter liegende Bedürfnisse befriedigt sind.
( Bedürfnispyramide an Flipchart erklären )
Heute beobachten wir, dass die 5. Stufe, das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und Persönlichkeitsentfaltung in unserer Gesellschaft sehr stark ausgeprägt ist. Nach Maslow würde das
bedeuten, dass die darunter liegenden Bedürfnisse alle schon befriedigt sind. Die Leute haben genug zu essen, ein Wohnung, einen Ausgleich zwischen Ruhe und Bewegung, sie fühlen sich sicher, sind in ein gutes
Gesundheitssystem eingebunden. Sie haben Freunde, Bekanntschaften, Kontakte, fühlen sich gesellschaftlich anerkannt, genießen Aufmerksamkeit durch andere. Sie vertrauen sich selbst und ihrer Leistungsfähigkeit. Auf
dieser Basis entwickeln sie ihre Persönlichkeit. Nur leider hat das so weit übergeschlagen, dass wir heute von einer Ego-Gesellschaft oder einer Ellbogengesellschaft sprechen müssen. Nicht nur ältere Leute sagen
dazu manchmal: Uns geht's zu gut. Und meinen damit: Diese Ich-Bezogenheit könnten wir vermeiden, wenn wir uns wieder, mehr auf die tiefer liegenden Bedürfnisse konzentrieren würden.
Und tatsächlich, wenn wir genau hinsehen, merken wir, dass es auf jeder dieser Ebenen Löcher gibt. Dass Menschen eben genau diese Bedürfnisse nicht befriedigt bekommen. Warum sprechen wir
denn – auch in Deutschland davon, dass es immer mehr Kinderarmut gibt, dass etwa zwei Million Haushalte überschuldet sind, dass es zu viele übergewichtige Menschen gibt. Immer wieder kommen Menschen an meine
Haustür, die eben keine Wohnung haben. (Stufe 1)
Bei dreieinhalb Million Arbeitslosen, zunehmender Bedrohung durch rechtsradikale Jugendliche besonders um Osten Deutschlands und einem reformbedürftigen Gesundheitssystem sind auch die
Sicherheitsbedürfnisse eingeschränkt. (Stufe 2)
Das Gleiche betrifft die Themen Liebe, Freundschaft, Zugehörigkeitsgefühl. Eine deutsche Illustrierte schrieb kürzlich einen Artikel mit dem Titel: Das Ende der Treue? Darin sagen sie, dass
durchschnittlich etwa 70 % der Deutschen fremdgehen. Und für 50 % der Männer und 80 % der Frauen sei Eifersucht ein echtes Thema. (Stufe 3)
Und schließlich sind auch die Geltungsbedürfnisse angekratzt, wenn meine Leistungsfähigkeit so auf die Probe gestellt wird, dass ich immer mehr in immer kürzerer Zeit arbeiten muss (man
nennt das Produktivitätssteigerung). Und wenn ich so flexibel reagieren muss, das ich jederzeit auch eine andere Aufgabe übernehmen könnte.
Wie kommt es, dass trotzdem der Hedonismus, also das Leben nach dem Lustprinzip in unsere westlichen Welt so hoch im Kurs steht?
Sozialwissenschaftler sprechen heute von der sogenannten Multi-Options-Gesellschaft. Ich nenne das mal die Welt der 1000 Möglichkeiten. Wir haben x Möglichkeiten zu wählen. Sie brauchen nur
mal in den Supermarkt zu gehen, dann könne sie zwischen 20 Joghurt-Sorten, 150 Weinsorten, 30 Sorten Weingummi, usw. wählen. Und diese Wahl-Möglichkeit zieht sich durch unser ganzes Leben. Gestern Abend hatte ich
mindestens drei Möglichkeiten gehabt, auf irgend ein Fest zu gehen. In unserem Freizeit-Verhalten können wir wählen. Ich kann wählen, ob ich eine Fahrrad-Tour mache, ins Freibad gehe oder auf den Sindelfinger
Schlemmermarkt. Das gleiche betrifft die Kirchen. Auch meine Gemeinde, meine Kirche kann ich mir auswählen. Und ich nehme die, die meiner persönlichen Entfaltung am ehesten entspricht – wenn ich denn überhaupt eine
wähle.
Bei diesen vielen Wahlmöglichkeiten verlieren viele leicht den Überblick. Manche sprechen mittlerweile schon vom Zwang zur Wahl.
Wo können wir als Gemeinde, wo können wir als Christen in diesem Zusammenhang ansetzen.
III. Der Biblische Befund
Jesus sagt: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet
ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. (Mt 11, 28-30)
Ich habe schon den Eindruck, dass wir in einer Welt unruhiger Seelen leben. Dass wir – wenn wir genau hinsehen – mitten unter vielen Mühseligen und Beladenen leben.
Und denen sagt Jesus zu: Kommt zu mir! Ich will Euch Eure Last abnehmen.
Damit führt Jesus genau das weiter, was sein Vater im Alten Bund schon angefangen hat. Die Initiative für eine Kontaktaufnahme und eine Verbindung mit Menschen ging immer von ihm aus. Das
war bei den Bünden mit Noah, mit Abraham, und mit Mose so. Noah hat er versprochen, dass er die Erde nicht mehr durch eine Sintflut vernichten will (Gen 9, 8-13). Als Zeichen dafür hat er den Regenbogen an den
Himmel gesetzt. Abraham hat er eine neue Heimat, eine große Nachkommenschaft versprochen und dass er sein Gott sein will (Gen 17, 1-11). Als Zeichen dafür hat er die Beschneidung der jüdischen Jungen am 8. Lebenstag
vorgesehen. Und Mose hat er die 10 Gebote als Wegweisung für ein gelingendes Zusammenleben der Menschen mitgeben.
Zeichen dafür waren die beiden Gesetzestafeln.
Wenn Gott einen Bund mit uns Menschen eingeht, dann gibt er uns Verheißungen mit, ein Zeichen zum Erinnern und die Zusage, dass er sich daran hält. Das ist Gottes Art von Verbindlichkeit.
Wenn Jesus uns zum Vertrauen auf ihn einlädt, dann gibt er uns die Verheißung, uns unsere Last abzunehmen und uns Ruhe finden zu lassen. Er nimmt uns unsere Last ab, indem er sich für uns
hingibt. Das Zeichen dafür ist das Kreuz, an dem er für uns gestorben ist. Seine Auferstehung von den Toten ermöglicht allen, die ihm vertrauen und ihr Leben mit ihm verbunden haben einen Neuanfang aus allem
Tödlichen. Und ich meine, dass unser heutiger Hedonismus unsere Multi-Options-Gesellschaft etwas Tödliches an sich hat. Denn sie tötet vor allem Beziehungen. Beziehungen zwischen Menschen und Beziehungen
zwischen Gott und Menschen. Und dort wo Beziehungen sterben ist der Mensch bedroht. Denn wir Menschen sind Gemeinschaftswesen. Es gibt eigentlich keine Menschen die auf Dauer nur für sich allein existieren können.
Jesus sagt: Kommt zu mir. Ich will euch Eure Lasten abnehmen und Euch Ruhe geben für Eure Seelen. Nehmt auf Euch mein Joch. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. Was ist
dieses leichte Joch und diese leichte Last, von der Jesus hier spricht?
Ein Joch ist ja ein Holzgestell, das Ochsengespannen aufgelegt wird, damit sie den Karren ziehen können. Es liegt den Ochsen im Nacken und ist ihnen eine Last.
Kann es nicht sein, dass vielen Menschen heute buchstäblich die Angst im Nacken sitzt, etwas zu verpassen. Und dass sie deshalb so unruhig eins ums andere ausprobieren. Mountain-Biking,
Bungee-Springen, River-Rafting, Free-Climbing und wie diese tollen neuen Freizeitbeschäftigungen alle in Neudeutsch heißen. Könnte das nicht auch den Beziehungsbereich betreffen? Das Reden vom
"Lebensabschnittspartner" spricht doch Bände. Mit allen Problemen, die das mit sich bringt.
Jesu leichtes Joch dagegen besteht darin, einzig und allein auf ihn zu vertrauen. Seine leichte Last ist eine Selbstbeschränkung: Ich wende mich ab von der Qual der Wahl – zunächst in
Glaubensfragen –– und lasse mich ganz ein auf ihn. Was er mir dafür verspricht, ist Ruhe für meine Seele.
IV. Unsere Aufgabe
Was könnte in diesem Zusammenhang unsere Aufgabe als Gemeinde sein?
Ich meine, unser Ansatzpunkt liegt bei den Bedürfnisstufen 2 und 3.
Unsere Gemeinde ist für mich ein Ort, wo ich mich zu hause fühle. Hier gibt es Menschen, von denen werde ich anerkannt. Meine Arbeit wird gewürdigt. Hier erlebe ich Hilfe und Unterstützung
auch in ganz praktischen Lebensfragen. Sei es was den Garten anbetrifft, Kinderbetreuung, Wohnung u.v.a.m. In unserer Gesamtkirche wüsste ich immer jemanden, den ich fragen könnte, wenn ich Probleme lösen müsste,
für die es in unserer Gemeinde keine Ansprechpartner gibt. In unserer Gemeinde und Kirche bildet sich im Gespräch mit anderen meine Meinung heraus. Ich erfahre Korrektur, wenn ich falsche Lebenswege gehe. Ich erlebe
viel Einigkeit in Glaubensfragen und merke, dass ich mit anderen auf einem gemeinsamen Weg des Glaubens bin. In unserer Gemeinde höre ich von Jesus, was er mir für mein Leben schenken will, wie er es mit mir
gestalten will und was er von mir erwartet.
Wenn Leute also heute danach fragen: Ja was habe ich denn eigentlich davon, wenn ich zu Eurer Gemeinde gehöre? Wenn ich mich verbindlich in die Gemeinschaft der Evangelisch-methodistische
Kirche aufnehmen lasse?
Dann antworte ich damit: Hier hast Du einen Platz, an dem Du glaubensmäßig und menschlich zuhause sein kannst. Hier ist der feste Haltepunkt in deinem Leben, von dem aus Du Dich in der Welt
der 1000 Möglichkeiten bewegen kannst. Hier wird dein Herz ruhig, weil es Ruhe gefunden hat in Gott.
Das verlangt von uns als Glaubenden in der Gemeinde, dass wir zum einen diese menschliche Gemeinschaft, die warmherzige Atmosphäre, Offenheit für andere Ansichten auch gewähren. So wie wir
es in unserem Leitbild auch beschrieben haben. Hier soll man erleben können, was es heißt, in einer Erlöserkirche zu sein.
Zum anderen sollen Menschen aber genau dies hören und für ihr Leben annehmen können, was Jesus heute zu uns gesagt hat.: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will
euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
Jesus gebe allen, die auf der Suche nach Ruhe für Ihre Seele sind, nach einem Haltepunkt für ihr Leben, den Mut, ihm zu vertrauen und in die Verbindlichkeit seiner Gemeinde einzutreten.
Amen.
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