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Wir achten die persönlichen Bedürfnisse und fördern die Gemeinschaft

von Pastor Joachim Schumann

 

10 Liebt einander von Herzen als Brüder und Schwestern, und ehrt euch gegenseitig in zuvorkommender Weise. 11 Werdet im Eifer nicht nachlässig, sondern laßt euch vom Geist Gottes entflammen. Dient in allem Christus, dem Herrn. 12 Seid fröhlich als Menschen der Hoffnung, bleibt standhaft in aller Bedrängnis, laßt nicht nach im Gebet. 13 Sorgt für alle in der Gemeinde, die Not leiden, und wetteifert in der Gastfreundschaft.

14 Wünscht denen, die euch verfolgen, Gutes. Segnet sie, anstatt sie zu verfluchen. 15 Freut euch mit den Fröhlichen, und weint mit den Traurigen. 16 Seid alle miteinander auf Einigkeit bedacht. Strebt nicht hoch hinaus, sondern gebt euch für die undankbaren Aufgaben her. Verlaßt euch nicht auf eure eigene Klugheit.

17 Wenn euch jemand Unrecht tut, dann zahlt es niemals mit gleicher Münze heim. Seid darauf bedacht, vor den Augen aller Menschen bestehen zu können. 18 Soweit es möglich ist und auf euch ankommt, lebt mit allen in Frieden.

 

(Römer 12, 10-18)

Ihr Lieben,

wer heute im Beruf steht, sieht sich der Forderung nach immer höherer Produktivität ausgesetzt. D.h. sie sollen in immer kürzerer Zeit immer mehr leisten.

Als ich vor etwa 13 Jahren einen Ferienjob beim Daimler am Band hatte, konnte ich nebenher noch Bücher lesen. Ich glaube ich habe in 8 Wochen 4 Bücher gelesen, darunter auch Fachbücher. 70 Autos mußten wir in einer Schicht an unserer Stelle bewältigen. Wenn die 70 Autos durch waren, hatten wir noch Zeit. Manchmal waren auch Pausen zwischendurch, bis die nächsten Wagen kamen.

„Das ginge heute nicht mehr“ sagen mir einige, die sich heute noch im Werk auskennen. So ist es kaum verwunderlich, dass nicht wenige das Angebot, frühzeitiger in Rente zu gehen, trotz Einbußen annehmen. Sie sagen: „Jetzt ist es nicht mehr schön, nicht mehr so wie früher. Ich will mich gesundheitlich nicht kaputt machen.“

Wenn diese Beobachtung in ähnlicher Weise auch auf andere Berufe zutrifft, dann müssen wir als Gemeinde überlegen, wie wir darauf reagieren wollen.

Meiner Ansicht nach ist es dann unsere Aufgabe, in der Gemeinde ein Kontrastprogramm anzubieten, das die Möglichkeit gibt, zur Ruhe und zur Besinnung zu kommen.

„Hier bist Du Mensch, hier darfst Du sein“, so in etwa könnte das Credo einer solchen Gemeinde lauten. Hier mußt Du nicht in erster Linie etwas leisten, sondern hier bist Du als Mensch anerkannt und akzeptiert, einfach weil Du da bist und weil Gott Dich wie die anderen liebt. Das gibt Dir Deinen Wert - und nicht Deine Leistung.

Wir haben das in unserem Leitbild so formuliert:

Wir achten die persönlichen Bedürfnisse und fördern die Gemeinschaft.

Wie kann ein Gemeindeleben aussehen, das so geprägt ist?

Wie kann unser Verhältnis untereinander bestimmt sein, damit sowohl dieser individuelle als auch der soziale Aspekt zum Tragen kommt?

 

Eine HilAuf den ersten Blick hört sich dieser Abschnitt wie eine Aneinanderreihung von Aufforderungen an. Alles ist im Imperativ übersetzt. D.h. ich soll was tun. Wieder was tun. Also auch in der Gemeinde soll ich etwas tun.

Aber aufrichtige Liebe, echte Herzlichkeit und freudige Gastfreundschaft lassen sich nicht befehlen. Ich muß auch können, was ich soll. Das heißt: ich muß zuvor dazu befähigt worden sein.

Auf den zweiten Blick, nämlich den in den griechischen Urtext, fällt auf, dass hier gar keine Imperative stehen, sondern Partizipien. Hier steht also nicht: Liebt einander von Herzen als Brüder und Schwestern. Sondern ganz wörtlich übersetzt müßte es heißen : Liebend einander von Herzen als Brüder und Schwestern oder Indem ihr einander als Brüder und Schwestern liebt. Ein Partizip bestimmt keine Zeitform: Also nicht: „In Zukunft sollt ihr einander als Schwestern und Brüder lieben. Momentan tut ihr das nicht oder nicht so ganz, aber in Zukunft sollt ihr das tun“  Sondern ein Partizip bestimmt nur eine Aktionsart. Es geht nur darum, dass etwas getan wird. Das Partizip Präsens kann sowohl eine relativ zukünftige Handlung beschreiben als auch Vergangenes bezeichnen. Also. Als Brüder und Schwestern liebt ihr Euch schon. Tut es auch in Zukunft weiter. Helmut Gollwitzer spricht über diese Stelle von einem „Gemisch von Aufruf und Beschreibung“-“So sollt ihr sein - und so seid ihr ja schon! -- es drängt ... voran zu noch besserer Verwirklichung.“

Wenn Paulus also diese Anregungen an die Gemeinde weitergibt, dann sieht er sie zugleich in der Spannung von „schon jetzt“ und „noch nicht“. In der Gemeinde lieben sich die Geschwister „schon jetzt“. Aber es ist „noch nicht“ vollkommen. Es ist noch verbesserungsfähig und verbesserungswürdig. Paulus weiß, dass alles erst in der neuen Welt Gottes vollkommen wird. Aber daran arbeiten können wir noch in diesem Leben (als Gemeinde). D.h. Paulus versteht die Gemeinde Jesu immer als Gemeinde in der Endzeit; als Gemeinde, die auf das Kommen Jesu zulebt, die sich auf die Vollkommenheit freut. Und die von daher ihr aktuelles Gemeindeleben gestaltet.

Die Gemeinde Christi kommt also von Jesus her und geht auf ihn zu.

Als Hintergrund hat Paulus die Situation der römischen Gemeinde vor Augen. Sie leidet unter äußerer Bedrängnis (Kaiser Nero). Nach innen ist sie von einer familiären, geradezu intimen Atmosphäre geprägt; soziale Unterschiede werden nach Möglichkeit ausgeglichen. Zugleich ist die Gemeinde missionarisch, aber auch diakonisch nach außen offen. In Ihrer Eigenart erfährt sie sich durch den Geist Gottes geprägt und bewegt.

Vieles von dem entdecke ich bei uns wieder.

Und deshalb die Frage: Was trägt der Abschnitt konkret für unser Zusammenleben in der Gemeinde aus?

Ich meine: Zunächst, dass eine Gemeinde nur dann funktionieren kann, wenn jeder zugleich Nehmender und Gebender ist.

Zumal in einer freikirchlichen Gemeinde, die sehr stark auf ehrenamtliche Mitarbeit angewiesen ist.

Unzufriedenheit - auch in unserer Gemeinde - kommt leicht dann auf, wenn wir die Beobachtung machen, dass es Leute gibt, die vorwiegend nehmen und andere, die vorwiegend geben.

Da ist es dann unter anderem die Aufgabe der Gemeindeleitung, die Arbeit besser zu verteilen. Den Gebenden Platz zum nehmen anzubieten und die Nehmenden zum geben zu ermuntern.

Aber zunächst einmal: Jeder hat ein Recht darauf, einen Ort in der Gemeinde zu haben, wo er mal nur nehmen darf.

Das war für mich ein Lernergebnis und eine Erkenntnis unseres Gesprächs im Ausschuss Zusammenwirken Pastor und Bezirk, dass z.B. Bibelstunde und Gottesdienst Veranstaltungen sind, wo Leute einfach mal nur hinkommen dürfen und Empfangende sein dürfen. Wo sie nicht irgendwelche Zettel ausfüllen oder Fragen beantworten müssen. Wo sie erst einmal nichts aus sich herausholen müssen. Also nicht produktiv sein müssen. Und es ist mein Job als Pastor und als hauptamtlich Bezahlter, dieses Bedürfnis zu stillen. Ich finde es richtig, das zu tun, wenn die gleichen Leute dazu befähigt werden, ihrer Aufgabe an anderer Stelle in der Gemeinde besser nachzugehen. Wenn z.B. eine Schaukastengestalterin Ideen für Ihren nächsten Schaukasten bekommt. Oder wenn jemandem, der Besuche macht, an passender Stelle ein gutes Trostwort einfällt. Oder einfach nur, dass jemand im privaten Gespräch klarer und offener bezeugen kann, was sein Glaube und seine Hoffnung ist.

Manchmal frage ich mich allerdings, wo dann mein Recht ist, mal nur nehmen zu dürfen. Vielleicht kann mir die Frage ja gelegentlich jemand beantworten. Denn ihr glaubt ja gar nicht wie sehr ich mich darauf freue, bei der Distriktsversammlung am Abendmahl einfach teilnehmen zu dürfen.

Dieses Recht darauf, nur mal nehmen zu dürfen bezieht sich in der Gemeinde auch auf die Ruhe. Zur Besinnung kommen kann ich nur, wenn ich auch die Gelegenheit zur Stille habe. In einer Welt die immer lauter wird, wird die Stille zur Oase, in der ich erkennen kann, wo das Wasser des Lebens ist; was wirklich für mich wichtig ist.

Deshalb: Es ist gut, wenn die Kinder am Anfang des Gottesdienstes mit dabei sind. Aber es ist auch gut, wenn sie dann nach einer Weile in Ihre Sonntagsschule gehen.

Unsere Überlegungen beim letzten BK-Klausurwochenende zielten ja mit dem Oasen-Gottesdienst am Abend in diese Richtung: Ein meditatives Angebot mit Stille, Gebet, Erfahrungsaustausch, ruhiger Musik, kurzen Verkündigungselementen usw. Aber: In unserer Gemeinde ist es vorerst daran gescheitert dass es Leute vorbereiten sollten, sie sowieso schon viel geben. Wir hoffen, dass wir jetzt auf ökumenischer Basis unter Federführung des CVJM sowas auf die Beine bekommen.

Die Kehrseite dieser Medaille ist, dass wir die Kraft, die wir an solchen Orten in der Gemeinde bekommen wiederum einsetzen für andere, an der Stelle an die Gott mich mit meinen Begabungen gesetzt hat.

Ich habe hier eine Postkarte mit einem Wort von Peter Hahne, der sagt: „Was in der Stille auf uns einwirkt, das wirkt sich auch auf uns aus - und auf andere um uns herum.“

Im Übrigen ist das auch ein Prinzip Jesu: Er selbst ist immer aus der Stille, aus der Begegnung mit seinem Vater heraus aktiv geworden.

Und genauso macht er es mit seinen Jüngern. Erst nachdem sie bei ihm geistlich aufgetankt haben, sendet er sie aus.

Das Gebot „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ in dieser verkürzten Form aus Matthäus 22, 39 ist ein Gebot der Gegenseitigkeit.

Es bedeutet zum einen: Das was Du dir selber gönnst, gönne auch anderen. So wie mir der Geburtstag meiner Frau wichtiger ist als eine Bibelstunde, darf das auch für andere gelten.

Es bedeutet aber auch zum anderen: Was ich für mich selber gewonnen habe soll an anderer Stelle zum Gewinn für meinen Nächsten werden.

Übrigens: Hier steht „deinen Nächsten“, Einzahl. Nicht „deine Nächsten“, Mehrzahl. Ich bin zuallererst an den einen oder die eine gewiesen, die meine Hilfe braucht. Nicht an die anderen Millionen, denen ich auch noch helfen könnte. Denn wer allen helfen will, hilft niemandem wirklich richtig.

In der Gemeinde geht es darum, dass Gemeinwohl und Einzelwohl in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. Und das um so mehr, als für viele Berufstätige für ehrenamtliche Arbeit immer begrenztere Zeit zur Verfügung steht. Deshalb muß eine Aufgabe auf Zeit und die Abgabe dieses Dienstes ohne Gesichtsverlust möglich sein.

Eingeschränkt wird die Handlungsfähigkeit einer Gemeinde aber dann, wenn der Zeitgeist dermaßen einzieht, dass auch hier vorwiegend Einzelwohl vor Gemeinwohl geht.

Hier darf sich ruhig der eine oder die andere fragen. Wie sieht das bei mir aus?

Gemeinschaft an sich ist ein Wert, der hilft, die Einsamkeit zu durchbrechen, ganz praktische Dinge des Alltags zu bewältigen, Hilfe anzunehmen und zu gewähren und falsche Wege zu vermeiden.

Das gegenseitige Nehmen und Geben in der Gemeinschaft lebt davon, dass wir das Gute und Gelungene loben und konstruktiv unterstützen und das Nicht-so-Gute versuchen miteinander zu verbessern.

Wir haben diese Grundüberzeugungen in unserem Leitbild so zusammengefasst:

„Wir bieten eine geistliche und menschliche Heimat. Hier kann Warmherzigkeit, Orientierung und Lebenshilfe erwartet werden.

Wir achten persönliche Interessen. Aussergemeindlichen Kontakte und Freundschaften sind uns wichtig. Interessierte wollen wir nach Bereitschaft in unser Gemeindeleben einbeziehen.

Unsere Gruppenangebote orientieren sich an Alter und Interesse.

Dabei pflegen wir eine Kultur der gegenseitigen Wertschätzung und Anerkennung.

Darüber hinaus soll bei Festen und zwanglosen Treffen das Gemeinschaftsgefühl erlebt, das Kennenlernen gefördert und der Zusammenhalt gestärkt werden.“

Diese Erläuterung ist einmal mehr Beschreibung und Ideal zugleich. Es ist etwas, was schon da ist - und - was im Alltag unseres Gemeindelebens immer wieder bewährt und verbessert werden muß. Denn ein Glaube, der nicht auch zur Tat wird, ist kraftlos und wenig überzeugend und anziehend.

Ich wünsche uns allen und bete dafür, dass Gott uns in Jesus die Kraft dazu gibt, das auch zu verwirklichen.

Amen.

 

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