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Zielaussage: Gott lässt mich im Leid nicht allein, sondern steht mir zur Seite.

 

Ihr lieben Geschwister,

das Thema Leid scheint uns momentan auf Schritt und Tritt zu begleiten. Einmal auf welt-politischer Ebene. Angefangen von den schrecklichen Terroranschlagen in Amerika am 11. September, über den danach folgenden Krieg in Afghanistan. Dann diese Schlammlawine in Nordafrika. Und schließlich das neuerliche Flugzeugunglück in New York. Dann erfahren wir, dass ein entlassener Häftling erneut Vergewaltigungen und Überfälle begeht. Kinder werden Opfer von Vergewaltigungen und Morden oder verlaufen sich im Wald und finden nicht mehr heim.

Aber auch in unserem ganz persönlichen Lebensumfeld erleben wir Leid. Menschen erkranken. Z.T. so schwer, dass sie sich einer großen Operation unterziehen müssen. Andere gehen spürbar auf's Sterben zu. Bei wieder anderen geht die Ehe auseinander.

Ich werde den Eindruck nicht los: Irgendwie häuft sich das Leid im Herbst. Im Frühjahr und Sommer genießen wir den Aufbruch, das Aufblühen der Natur, das sorglose Leben. Aber in den letzten Wochen scheinen sich die negativen Schlagzeilen zu mehren. Und wenn's "nur" die 4 Millionen Arbeitslosen sind, die unter uns seit Jahren leben und die kaum weniger werden. Dabei empfinde ich die Vertrauensfrage des Bundeskanzlers wegen des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan kaum mehr als ein Sturm im Wasserglas.

Nicht nur weil heute Volkstrauertag ist, stellt sich mir die Frage: Wie können wir mit diesem Leid umgehen? Wie können wir es verkraften, ohne darunter zu zerbrechen? Aber auch ohne daran abzustumpfen?

Dorothee Sölle meint, dass Leid immer auch unsere Beziehung zu Gott berührt. Dass wir unweigerlich beginnen zu fragen: Warum lässt Gott dieses Leid zu?

Die ist eine der ältesten Fragen der Menschheit. Sie begegnet uns schon im alten Testament. Aber sie begegnet uns auch in der Philosophie wie am Stammtisch.

Warum lässt Gott das Leid zu?

Ich möchte auf diese Frage drei Antworten versuchen.

Nämlich 1. Gott lässt das Leid zu, weil er uns liebt. 2. er lässt es zu, weil er ganz nah bei uns sein möchte. Und 3. Er lässt es zu, weil er unser Mitleiden herausfordern will.

1. Antwort: ... weil Gott uns liebt

Ihr Lieben,

nicht jedes Leid, das wir auf dieser Welt mitbekommen, ist von Gott verursachtes Leid. Gott ist nicht an jedem Leiden schuld. Ein großer Teil menschlichen Leids ist von uns Menschen selbst verursacht. Wir können nicht Gott etwas in die Schuhe schieben, was wir selbst verbockt haben. Im Kleinen: Wer ist denn stur und unfreundlich zu seinen Mitmenschen - Gott oder sind wir es manchmal? Wer versucht denn per Ellbogen seine Karriere voranzutreiben - Gott oder wir?
Oder im Großen: Wer prügelt denn Kinder zu Tode - Gott oder wir Menschen? Wer überarbeitet sich denn und läßt seine Familie zerbrechen - Gott oder wir Menschen? Wer zerstört die Umwelt - Gott oder wir Menschen? Wer sorgt für Raub, Mord und Totschlag? Gott - oder Menschen? Wer bastelt Bomben, führt Kriege, schickt Kinder auf die Flucht, verurteilt Menschen mit gekauften Zeugen, oder ist korrupt - Gott oder sind es Menschen, die das tun?

Jeder der rund 8000 Verkehrstoten in Deutschland jedes Jahr bringt Leid über die Familie, die davon betroffen ist. Aber sie sind der Preis, den wir Menschen für unsere Mobilität zu zahlen offenbar bereit sind. Selbstverständlich kann ich selbst entscheiden, ob ich Auto fahren will oder nicht. Außerdem kann das Auto in vielfacher Hinsicht ein Segen sein. Aber die Kehrseite davon ist, dass Menschen auch durch Autofahren zu Tod kommen können oder verletzt werden.

Und genau das ist die Ursache für vieles Leid auf dieser Welt. Viele Dinge in unserem Leben haben ein positive und eine negative Seite. Ich kann wählen, ob ich Autofahren will oder nicht. Ich kann wählen, ob ich ein Kind umbringen will oder nicht. Ich kann wählen, ob ich meine Familie allein lasse oder nicht.

Diese Möglichkeit zu wählen hat Gott uns Menschen von Anfang an mitgegeben. Adam und Eva konnten wählen, ob sie vom Baum der Erkenntnis essen oder nicht. Und als sie es dann getan hatten wussten sie , was gut und böse ist. Immer, wenn ich die Wahl habe, kann Besseres oder Schlechteres daraus werden, Gutes oder Böses. Wissen Ihr, was passieren würde, wenn wir nicht wählen könnten? Dann gäbe es zum Beispiel keine Liebe, denn ein Mann könnte ja nicht eine Frau einer anderen vorziehen. Sie wären ihm alle gleich wichtig - und damit gleichgültig. Es gäbe nicht einmal Sehnsüchte: Adam beispielsweise springt den ganzen Tag mit seiner nackten Eva durch das Paradies und kommt nie auf die Idee, mit ihr zu schlafen. Und das nennt sich Paradies. Ja, Adam bemerkt nicht einmal, dass sie nackt ist. Und dass sie schön ist, nimmt er auch nicht wahr. Ohne Gut und Böse gibt es weder Ziele, noch Hoffnungen, noch Träume, weder Ideale noch Schönheit- und auch keinen Glauben. Wenn alles Gut wäre, müsste ich nicht mehr glauben. Menschsein basiert auf der Freiheit, zwischen Gut und Böse einen Weg zu finden.

So wie ein Vater dem Wunsch seiner Tochter nachgibt und ihr erlaubt, abends länger als bis acht Uhr wegzubleiben. Jetzt wird diese Tochter überfallen. Der Vater hätte ihr auch verbieten können wegzugehen, er hätte sie bis zu ihrer Verheiratung einsperren und dann einen Mann für sie auswählen können, der ihm der Richtige zu sein scheint. Er wäre dann nicht schuldig an der Möglichkeit des Bösen. Aber er hätte sich etwas ganz anderem schuldig gemacht, nämlich der Freiheitsberaubung.
Gott geht in seiner Welt Freiheit über alles. Freiheit heißt: Ich bin in nichts vorbestimmt und kann mich immer so verhalten, wie ich will. Totale Freiheit bedeutet aber auch ein Maximum an Risiko. Das ist die Ohnmacht der Liebe. Menschen zur Liebe zwingen, das kann man nicht. Gott kann das Leiden verhindern, aber er lässt es auch zu - aus Liebe!
Man kann also zusammenfassend zum ersten Teil sagen: Wir müssen Leid ertragen, weil es eine
der möglichen Konsequenzen der Freiheit ist. Und ohne Freiheit gibt es keine Liebe. Weil Gott uns Menschen so unendlich liebt, darum muss er uns Freiheit ermöglichen. Und das birgt immer das Risiko in sich, missbraucht zu werden

Das beantwortet aber noch nicht die Frage nach dem Leid Unschuldiger. Was ist denn mit denen, die nicht das Opfer menschlichen Missbrauchs der Freiheit geworden sind? Was ist mit den Opfern von Flutkatastrophen, von Wirbelstürmen, von Schlammlawinen und Vulkanausbrüchen, von Erdbeben und Kälteeinbrüchen? Und vor allem: was ist mit denen, die an einer schweren Krankheit leiden, die von Geburt an behindert auf die Welt kommen, die vorzeitig oder frühzeitig sterben müssen? Das hat doch wohl gar nichts mit Wahlfreiheit zu tun.

 

Ich muss zugeben: Auf diese Frage habe ich auch keine Antwort.

Ich weiß auch nicht, ob es darauf eine Antwort gibt. Und ich bezweifle, ob wir überhaupt auf alle Fragen eine Antwort wissen müssen. Vielleicht müssen wir das einfach aushalten. Wenn Gott unsere Schöpfer ist und wir wie Ton in der Hand des Töpfers, dann bekommen wir nicht auf alle Fragen Antworten.

Aber wir haben ein paar Erfahrungen.

Und der Hauptkernpunkt dieser Erfahrungen lautet : Auch wenn ich mein Leid nicht verstehe, aber ich spüre, dass Gott bei mir ist.

Und das ist die

2. Antwort: Gott lässt das Leid zu weil er bei mir sein will

Zunächst mal aber mache ich die Erfahrung, dass ich selbst viel stärker Gottes Nähe suche, wenn es mir schlecht geht. Ich bete mehr, ich gehe mehr in den Gottesdienst. Ich suche mehr den Trost bei anderen Gläubigen oder in der Bibel. Dies ist ja eine Erfahrung, die besonders unsere älteren Geschwister nach den 2. Weltkrieg gemacht haben. Als es vielen schlecht ging, waren die Kirchen voll. Da suchten die Menschen Gottes Nähe. Das Sprichwort "Not lehrt beten", bewahrheitet sich zu solchen Zeiten. Mit dem zunehmenden Wohlstand aber hat die Suche nach Gottes Nähe abgenommen. Je reicher, je unabhängiger ich bin, desto mehr meine ich scheinbar, Gott nicht zu brauchen. Jemand hat das mal so formuliert: "Die das Dunkel nicht fühlen, werden sich nie nach dem Licht umsehen."
Wenn ich dagegen krank werde, dann bringt mich das oftmals zu Gott wieder zurück. Ich frage mich, was dieses Ergehen zu bedeuten hat. Ob ich daraus etwas lernen soll? Ob Gott mich zum Nachdenken bringen will? Aber wenn ja , worüber? In der Krankheit werde ich aus dem Trubel des Alltags herausgenommen, aus den vermeintlichen Sachzwängen. Ich beginne nachzudenken über das, was wirklich wichtig ist. Ich beginne mich vielleicht auch wieder nach Gott auszustrecken.

Aber Gott streckt sich auch zu mir aus. Gott ist in unserem Leiden nicht nur ein ganz ferner Gott, den wir kaum spüren. Sondern er will in unserem Leid ganz nah bei uns sein. ER will uns nicht darin allein lassen. Der schwäbische theologische Lehrer Johann Albrecht Bengel meinte dazu. "Gott hilft uns nicht immer am Leiden vorbei, aber er hilft uns hindurch." Oder wie Wilhelm Busch sagte: "Er springt mitten hinein ins Meer des Leides und wird für uns zum Leuchtturm der Liebe," Gott leidet mit uns und für uns. Er schickt Jesus in diese Welt voller Leid. Jesus, der Sohn Gottes muss leiden. Er stirbt letztendlich sogar. Aus Liebe, die bei den Menschen nicht gewollt war. Es ist seine durchgehaltene, abgelehnte Liebe, die sein Leiden verursacht. Christus leidet nicht für Gott, sondern Jesus leidet für uns. Er schlägt das Leid mit eigenen Waffen. Das heißt aber auch: Nicht das Leid ist Gottes letztes Wort, sondern Jesus.

Gottes Antwort auf die Frage nach dem Leid? Er leidet mit. Jesus ist nicht der Glanz- und Gloriakönig geworden, zu dem ihn die Juden gerne gemacht hätten. Jemand hat gesagt: “Er wurde geboren in einer geborgten Krippe, er predigte in einem geborgten Schiff, er wurde begraben in einem geborgte Grab." Als Kind war er auf der Flucht - wie Kinder im Sudan, in Ruanda und anderswo.

Als kleiner Junge musste Jesus sich vor dem mordenden König Herodes verstecken - wie die Juden unter Hitler. Er wurde verfolgt von seinem eigenen Volk - wie die Studenten in China. Er hat zum Beispiel Johannes den Täufer verloren, er hat Freunde verloren - wie einige von uns auch. Er litt unter ungerechten Richtern und gekauften Zeugen - wie Menschen in Chile oder der ehemaligen UdSSR. Sein Körper war von der Folter gezeichnet, wie die Körper von Menschen im Iran und in der Türkei. Niemand kennt das Leid besser, als er. Er hat es durchgemacht. Er kann mitleiden. Er versteht unser Leid! Gott der Vater kann jeden Leidenden verstehen. Wenn jemand ein Kind verloren hat, dann sagt Gott: ICH AUCH! Jesu Leid ist eine vertrauensbildende Maßnahme. Gott leidet an unserem Misstrauen ihm gegenüber. Daher sandte er seinen Sohn Jesus in die Welt, um uns von seiner Freundlichkeit zu überzeugen. Seine Liebe geriet in Jesus ins Leiden. Und genau hier ist der Punkt: Kann man einem leidenden und sterbenden Jesus noch misstrauen? Jesu Leid ist letztlich eine vertrauensbildende Maßnahme! Das ist der tiefste Sinn des Leidens Jesu: Eine Einladung, ihm zu vertrauen. Jesus wollte durch sein Leiden kein Vorbild für Idealisten werden - nach dem Motto: “Auch du musst durchhalten!"

Der tiefste Sinn ist: Er will uns einladen, ihm zu vertrauen.

Jesus litt für uns. Aber er blieb nicht im Leiden, im Tod, im Grab. Er ist auferstanden. Er lebt. Und wer diesem Jesus vertraut, wer sich an ihm bindet, der erlebt, dass Jesus unser Leben und auch unser Leiden versteht und mitträgt.

Wer mit Jesus lebt, der weiß, dass er nicht alles Leiden von uns fernhält oder wegnimmt. Aber er trägt mit. Er versteht uns. Er hilft uns, Leid zu bewältigen.
Das war die 2. Antwort: Gott leidet mit uns und für uns.

3. Antwort:  Weil fremdes Leid unser Mitleiden herausfordert

Diese Erfahrung, dass Gott mir im Leid beisteht, soll mich ermutigen, auch anderen in Ihrem Leid zu helfen. Denn wie ist Gott mir denn begegnet. Vielfach doch durch die Zuwendung anderer Menschen. Dadurch, dass sie mich besucht haben, mir die Hand gehalten haben, mich getröstet haben, für mich gebetet haben, mir ein gutes Wort Gottes vorgelesen haben, einen Brief geschrieben oder angerufen haben.

Diese Erfahrungen müssten mich doch eigentlich auch ermutigen, das Leid anderer mitzutragen. Durch fremdes Leid fordert mich Gott heraus, mich für sie einzusetzen.

Ich finde sogar: Erst das Leid macht unsere Welt menschlicher, wärmer und sozialer.

Ich mag mir gar keine Welt vorstellen, in der es nur gesunde, schöne und erfolgreiche Menschen gibt. Menschen ohne Fehler. Menschen ohne Makel. Menschen ohne Leid.

Das wäre eine kalte Welt. Eine Welt, in der sich niemand um einen anderen kümmern bräuchte, weil ja jeder selbst zurecht käme. Eine Welt ohne Liebe und ohne Gnade. Eine herzlose Welt, weil Barmherzigkeit nicht nötig wäre.

Darum noch einmal zusammenfassend, warum Gott das Leid zulässt: Er lässt es zu, weil er uns in seiner liebt und uns darum Freiheit ermöglichen muss. Er lässt es zu, weil er uns liebt und wie jeder Liebende bei seinem Geliebten sein will. Und er lässt es zu weil er uns liebt und will, dass wir diese Liebe weitergeben. Amen.

 

 

 

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