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Zielaussage: Gellert rechnet mit dem täglichen Neu-Schaffen Gottes. Diesem Schaffen will er sich zur Verfügung stellen, damit Gott durch ihn wirken kann.

 

Ihr Lieben,

manchmal in stillen Stunden, wenn ich Gelegenheit habe, über mich und meine Lebensziele nachzudenken, dann überkommen mich eine Reihe von Fragen:

Wie kann mein Leben bedeutsam sein? Wie kann es Spuren hinterlassen?

Wie kann das, was ich sage und tue eine nachhaltige Wirkung erzielen?

Wie kann ich an etwas Sinnvollem, größeren Ganzen beteiligt sein?

Der Liedtext Wie groß ist des Allmächt'gen Güte von Christian Fürchtegott Gellert, gibt Antwort auf solche Fragen. Gellert lebte von 1715 bis 1769 in Sachsen. Diesen Text schrieb er 1757. Vertont wurde es 36 Jahre später im Jahr 1793 von dem Biberacher Musikdirektor Justin Heinrich Knecht.

Damit ist der Liedtext zu Lebzeiten von John Wesley entstanden. Der Komponist ist ein Zeitgenosse Mozarts und Haydns, von denen ja die musikalischen Beiträge von Maischs stammen. Das Lied passt also nicht nur inhaltlich sondern auch musikhistorisch in unseren Gottesdienst heute.

 

Wir singen die erste Strophe von Lied 144

 

Liedtext

1. Wie groß ist des Allmächt'gen Güte! Ist der ein Mensch, den sie nicht rührt, der mit verhärtetem Gemüte den Dank erstickt, der ihm gebührt? Nein seine Liebe zu ermessen sei ewig meine größte Pflicht! Der Herr hat mein noch nicht vergessen; vergiß, mein Herz, auch seiner nicht.

 

Was an dieser ersten Strophe auffällt ist das Staunen über Gott,

Christian Fürchtegott Gellert war eines von 13 Pfarrerskindern. Und in seinem Elternhaus war oft die Sorge, ob auch alle Kinder wirklich durchkommen. Schon als 11-jährigerv musste Gellert durch das Abschrieben von Gerichtsakten Geld für den Unterhalt der Familie mitverdienen.

Trotz dieser Armutserfahrung dichtet er später Wie groß ist des Allmächt'gen Güte! Aber Gellert bringt das in Zusammenhang mit der Erfahrung, dass Gott ihn kennt und trotz seiner Verfehlungen sich nicht von ihm abwendet.

Eigentlich wollte er nämlich auch Pfarrer werden. Aber als 14-jähriger hat er eine traumatische Erfahrung gemacht: Beim Begräbnis sein Patenkindes wollte er beim Gottesdienst in der Kirchen einen Nachruf halten. Dabei blieb er mitten in seiner Rede stecken und musste erst umständlich sein großformatiges Manuskript aus der Tasche holen. Die Furcht vor solch einem Blackout ließ ihn Zeit seines Leben nicht mehr los.

Später kam Gellert an die elitäre Fürstenschule von Meißen und wurde dort auf die Universität vorbereitet. Ab 1734 studierte er in Leipzig Theologie und Philosophie. Danach wurde er Professor für Poesie und Rhetorik, später auch für Ethik.

Der preußische König Friedrich der Große sucht das Gespräch mit Ihm. Und Goethe saß zu seinen Füßen im Hörsaal und berichtete darüber: Ich musste erleben, wie meine Prosa wenig Gnade vor seinen Augen fand. Goethes Texte wurden von Gellert unerschrocken mit roter Tinte korrigiert und hier und da sittliche Anmerkungen angefügt.

Gellert hatte einen untrüglichen Geschmack für das Schöne und wollte damit zugleich eine Neigung zum guten wecken, Verbunden mit seiner Formulierkunst wurde Gellert zu seiner Zeit einer der meistgelesenen Fabeldichter und meistgespielten Verfasser von bürgerlichen Lustspielen. Vielleicht am meisten gewirkt hat Gellert aber wohl durch seinen Lieder. 57 davon sind bis heute erhalten. Seine bekanntesten sind wohl noch Jesus lebt mit ihm auch ich, So jemand spricht: ich liebe Gott. Mein erst Gefühl sei Dank und Preis.

Auf diesem Lebenshintergrund scheint auch die Strophe 2 besser verständlich:

2. Wer hat mich wunderbar bereitet? Der Gott, der meiner nicht bedarf. Wer hat mit Langmut mich geleitet? Er, dessen rat ich oft verwarf. Wer stärkt den Frieden im Gewissen? Wer gibt dem Geiste neue Kraft? Wer lässt mich soviel Glück genießen? Ist's nicht sein Arm der alles schafft?

 

Die rhetorischen Fragen deuten auf den Professor der Redekunst.

Rhetorische Fragen – die Antworten werden schon als allgemein bekannt vorausgesetzt, oder sie werden durch die Art der Frage impliziert.

Diese Art zu dichten gibt es auch in manchen anderen Schöpfungslobliedern.

- Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht 142, 3

- Ich singe dir mit Herz und Mund 132, 3-5

Solchen rhetorischen Fragen haben ihre biblische Entsprechung in Hiob 38, wo Gott selber dieses Mittel anwendet, als er in seiner Rede aus dem Sturm Hiobs Anklagen zurück weist.

Hier im Lied werden die Fragen immer gleich beantwortet.

Wer hat mich wunderbar bereitet? Zeigt das Bewusstsein, ein Geschöpf Gottes zu sein.

Wer hat mit Langmut mich geleitet? Zielt auf Gottes Geduld mit mir. Zugleich aber auch auf Gottes aktives Schöpfungswerk in meinem Leben. Denn da wo Gott leitet ist er schöpferisch tätig.

Wer stärkt den Frieden im Gewissen? Meint Frieden mit Gott – Glaubensgewissheit.

Wer gibt dem Geiste neue Kraft? Die Kraft zum Denken und für den Verstand kommt von Gott. Von daher wird meine Einstellung geprägt. – Wieder: Gottes aktives Schöpferhandeln.

Wer lässt mich soviel Glück genießen? Diese Frage ist umso erstaunlicher als Gellert mit 40 Jahren an Depressionen erkrankt, also 1755, zwei Jahre bevor er diesen Liedtext geschrieben hat. Trotzdem kann er so schreiben. Warum? Am 13.12.1769 stirbt er nach einer schweren Krankheit, bei der er auch das Dunkel der Depression erleidet. Kurz vor seinem Tod waren seine letzten Worte: "Ich kann nicht mehr viel fassen, aber rufen Sie mir den Namen meines Erlösers zu; wenn ich den nenne und höre, so fühle ich neue Kraft und Freudigkeit in mir."

Gellert beantwortet seine Fragen mit "der Herr" kleidet die Antwort aber auch zugleich in eine rhetorische Frage.

Ist's nicht sein Arm der alles schafft? – auch hier wieder das Verständnis vom Schaffen Gottes in der Gegenwart.

 

3. Schau, o mein Geist, in jenes Leben, zu welchem du erschaffen bist, wo du mit Herrlichkeit umgeben, Gott ewig sehn wirst, wie er ist. Du hast ein Recht zu diesen Freuden, durch Gottes Güte sind sie dein; sieh, darum musste Christus leiden, damit Du könnest selig sein.

Nun kommt der Blick in die Ewigkeit. Genauer gesagt, stellt er sich vor, in der Ewigkeit zu sein und tut von dort einen Blick in die Gegenwart. Vom endzeitlichen Standpunkt aus gesehen begründet Gellert unsere Hoffnung auf ewiges Leben mit der Güte Gottes und Jesu Leiden und Sterben am Kreuz. Wir dürfen uns auf Gottes herrliche Ewigkeit freuen, nicht weil wir etwas getan hätten, was uns das Recht gäbe, hinein zu kommen. Sondern weil Jesus Christus uns durch sein Leiden und Sterben die Eintrittskarte verschafft hat. Diese Einsicht verpflichtet Gellert zu Dankbarkeit. Das kommt in der nächsten Strophe zum Ausdruck:

 

4. Und diesen Gott, sollt ich nicht ehren und seine Güte nicht verstehn? Er sollte rufen, ich nicht hören, den Weg, den er mir zeigt, nicht gehen? Sein Will ist mir ins Herz geschrieben, sein Wort bestärkt ihn ewiglich: Gott soll ich über alles lieben und meinen Nächsten gleich als mich.

Wieder der Beginn mit rhetorischen Fragen. Diesmal geht's um meine Beziehung zu Gott. Es geht um treue Nachfolge. Es geht darum, auf Gott zu hören, um auf seinem Weg gehen zu können. Es geht darum, Gottes Willen zu tun. Hier geht es um unser Verhalten und seine Grundlegung durch das Dreifachgebot der Liebe. Gegen Ende dieses Liedes spricht der Professor für Ethik. Es spricht der fromme Pfarrerssohn, der sich als Professor gegen antichristliche und gottlose Tendenzen in der Aufklärung wandte. Es spricht der Ermahner, der in seinen Schriften mit Warnungen und Bitten für eine neue Menschlichkeit plädiert. Und dies hat 1757 durchaus prophetischen Charakter. Sollte doch etwas über 40 Jahre später mit dem Sturm auf die Bastille die französische Revolution ausgelöst werden. König Ludwig der 16 wurde auf dem Schafott hingerichtet. Das Christentum wurde abgeschafft und an Gottes Stelle wurde die menschliche Vernunft auf den Thron gehoben. Manche Historiker meinen. Es sei Gellert Verdienst, dass sich die antichristliche Spitzen der revolutionären Gedanken an Deutschlands Universitäten nur sehr eingeschränkt entfalten konnten.

Auf diesem Hintergrund ist die 5. Strophe zu verstehen, die Gellert als Bitte, ja als Gebet formuliert:

 

5. O Gott laß deine Güt und Liebe mir immerdar vor Augen sein. Sie stärk in mir die guten Treibe, mein ganzes Leben dir zu weihn; sie tröste mich zur Zeit der Schmerzen, sie leite mich zur Zeit des Glücks, und sie besieg in meinem Herzen die Furcht des letzten Augenblicks.

 

Hier geht es um Kraft für den Alltag, um ein Leben das Gott gefällt und in dem Gott selbst wirksam ist. . Sie stärk in mir die guten Treibe, mein ganzes Leben dir zu weihn. Drückt genau das aus. Unter Gottes Führung aktiv werden/sein.

Wie geht das?

Sich für Gott offen halten. Sich ihm aussetzen

Im Gebet, im Bibellesen, im Gottesdienstbesuch.

Nicht alles selbst machen wollen.

Vielleicht im Gebet am Morgen Gott fragen: Herr was willst Du, das ich heute tun soll?

Sich bewusst unter Gottes Führung durch seinen Geist stellen.

Gellerts Zielaussage ist: Mein Leben kann erst dann bedeutsam sein. wenn Gott durch mich zur Wirkung kommt. Wenn ich ihn in und durch mich wirken lasse. Damit ich von ihm her meine Kraft gewinne. Und darum möchte ich ich jetzt bitten ...

 

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